Die schwindelerregende Endlichkeit des Seins
Ein Orang-Utan-Weibchen, durch Käfighaltung, Transporte und Tierversuche geschunden, der rechte Oberarm aufgerissen, der Blick leer, das Haar so dünn, dass die Kopfhaut durchscheint – dergestalt zeigt sich die Zauberin Alcina am Ende von Georg Friedrich Händels gleichnamiger Oper. Kein glitzerndes Paillettenkleid von Louis Désiré, keine Strasssteinmaske für Stirn und Haare deckt mehr die körperlichen Makel. Der Zauber ist hin.
Aus den Tieren, die ihre Liebhaber waren, sind wieder Menschen geworden: sechs muskulöse Kerle, die in der wuchtigen Streetdance-Choreografie von Ran Arthur Braun Front machen gegen die machtlose Frau. Zum schlagkräftigen Rudel sind sie verschmolzen, die doch vorher so individuell schienen als Möwe, Fliege, Krokodil, als Fisch, Hirsch und Hund. Sanft waren sie als Tier. Als Menschen sind sie mitleidlos, grob, ja brutal. Die Entzauberung der Welt gebiert Ungeheuer.
Francisco Negrin nutzt in seiner Inszenierung von «Alcina» – diesmal am alten, exzellent klingenden Opernhaus Kopenhagen, koproduziert mit der Oper Oslo – die metaphorische Bildlust des barocken Theaters, um nochmals an die Dialektik der Aufklärung zu erinnern. Kostüm und Nacktheit, Magie und ...
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Opernwelt April 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jan Brachmann
Ob das Städtchen wirklich existiert, jener Küstenort, zu dem der Pariser Buchhändler Michel sich aufmacht? Den Bahnhof, auf dem er ankam, gibt’s schließlich bald auch nicht mehr. Michel ruht nicht eher, bis er die junge Frau wiederfindet, die er drei Jahre zuvor hat singen hören: ein Liebeslied, das durch ihr geöffnetes Fenster zu ihm drang. Doch womöglich ist auch...
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Serge Dorny lehnt sich zurück und weist in die Ferne. In seinem gläsernen Büro hoch über Lyon räsoniert der Opernintendant über Interaktionen mit den Stadtteiltheatern oder dezentrale Kultur- und Bildungsprojekte, welche die drittgrößte französische Stadt und ihre sozialen Problemviertel so bitter nötig haben. «Für mich sind kulturelle Aktivitäten in diesen...
