Alles Leid der Welt
Ein Raunen geht durchs Publikum, als sich der Vorhang hebt. In historischen Gewändern aus guter alter Zarenzeit stehen da Mütterchen und Väterchen, Reiche und Arme, ein Mädchen mit rotem Kopftuch; Angst und Schrecken sind ihnen ins Gesicht geschrieben. Dahinter in strahlendem Licht die riesige Replik eines Ölgemäldes von Wassili Surikow: der Rote Platz im Augenblick vor der Massenhinrichtung der Moskauer Strelizen-Armee auf Befehl Zar Peters des Großen.
Ausstattungstheater vom Feinsten also? Wenn da nicht rechts und links des Bildes die nüchtern-weißen Wände wären.
Noch bevor die ersten Soldaten zu singen beginnen, streifen die Sänger ihre historischen Kostüme ab und zeigen sich als Menschen von heute, in Jeans, Büroanzügen und Kostümchen; nur ein Holzkarren und ein totes Pferd bleiben zurück. Da hat sich Johannes Leiackers atemraubende Bühne längst ins Bildgedächtnis eingegraben: Von nun an ahnt man die Vergangenheit auch ohne entsprechende Ausstattung.
Zumal das Nederlands Philharmonisch Orkest unter Ingo Metzmacher einen historischen Klangraum assoziiert, einen, in dem der Sonnenaufgang noch als wundersame Verwandlung erzählt werden konnte. Fast impressionistisch leuchtet ...
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Opernwelt April 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Christoph Schmitz
Glöckchentöne einer Celesta. Gläserne Klangschlieren. Aus höchsten Fernen, raffiniert gemischt. Im ersten Moment ist kaum auszumachen, dass hier Piccoloflöten schwirren und Violinen flirren. So geht es los. Bald setzt die Stimme ein, behutsam, tastend, auf ruhigem Atem. «Let me tell you how it was», singt Barbara Hannigan, jeden Laut wägend, als suche ihr lyrisches...
Eine Müllhalde, davor ein scheinbar endloser Flüchtlingsstrom: Das erste Bild lässt rabiate Aktualisierung erwarten. Doch was Ausstatter Stefan Heyme auf die Bühne gestellt hat, ist weniger naturalistisches Abbild als stilisierte Skulptur. Regisseurin Tatjana Gürbaca gewinnt daraus ein Emblem menschlichen Elends, das Gegenwart und Vergangenheit erhellend...
Bis auf «Platée», das beliebte Ballet bouffon, tauchen Rameaus Werke nach wie vor selten in den Spielplänen auf. Diskografisch steht seine Sache aber gar nicht schlecht – eine Nachwirkung des 250. Todestags 2014. Drei Neuerscheinungen der letzten Monate verdienen Beachtung.
In «Castor et Pollux» (gespielt wird die prologlose Version von 1754) lassen Raphaël Pichon...
