Die Zurichtung einer Rasenden
Man kann die Frau nur beneiden: Sie hat es aus ihrer bröckeligen Schwarzmeer-Heimat bis in die mitteleuropäische Hauptstadt geschafft, die neue Villa wurde von abstiegsbedrohten Alteigentümern vermutlich günstig abgelöst, zwei muntere blonde Knaben tollen übers Parkett, im Zimmer steht der neueste Designer-Chic, an der Wand zwei Quadratmeter Plasmascreen, edle Seidenroben umschmeicheln ihren noch sehr ansehnlichen Body, und der gutaussehende Gatte schaufelt Geld wie Dreck. Er hat beste Kontakte im Gasgeschäft, dreht mindestens das mittelgroße Rad.
Außerdem ist der alerte Businessman aus Georgien, die neue Staatsbürgerschaft hat er auch schon arrangiert, auf ordentliche Assimilation bedacht: Keiner, der noch in der Küche den Wodka zu den Blinis kippt, die Kinder sollen zu Hause gefälligst deutsch sprechen und Klavierunterricht gibt’s sowieso.
Frau Medea darf man im Kasino des Wiener Burgtheaters also gratulieren. In der sehr freien Bearbeitung des Mythen-Stoffs von Grzegorz Jarzyna (Buch Michal Walczak) ist sie endlich im Westen angekommen, und zwar auf dem Erste-Klasse-Ticket mit Goldener Kundenkarte. Trotzdem fährt Sylvie Rohrer, als sie in einer ruhigen Minute allein am ...
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Max Reinhardt gehört zu den großen Verkannten der Theatergeschichte. Das mag angesichts seines geradezu legendären Rufs vielleicht paradox klingen. Doch beim näheren Hinsehen ist Reinhardts Ruf zwiespältig. Theaterleute von heute beziehen sich lieber auf die zahllosen (und nicht selten dem diskreten Charme diverser Diktaturen erlegenen) Weltverbesserer, die die...
Dem Vorurteil nach war Arno Schmidt ein ähnlicher Eigenbrötler wie sein österreichischer Kollege Thomas Bernhard. Zurückgezogen auf dem platten niedersächsischen Land lebend, habe er mit niemandem sprechen wollen und keinerlei Störung beim Verfertigen seiner sperrigen Texte geduldet, heißt es stereotyp.
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Die Musik, die in Peter Dehlers Inszenierung immer wieder atmosphärisch verschmiert eingesetzt wird, ist feinster skandinavischer Depressionismus – der zerdehnte Trauersound der isländischen Band Sigur Ros gilt als musikalische Feier von Absage und Vergeblichkeit. Doch auf dem Programmzettel verkündet Heiner Müller gleich als erstes den Optimismus, dass die...
