Kompletthysterisch

Thalia Theater, Hamburg: «Der Raub der Sabinerinnen», nach Schönthan/Goetz, Regie: Herbert Fritsch

Theater heute - Logo

Die Theaterdirektorin Emanuela Striese weiß Bescheid. «Man kann über alles Theater machen, bloß nicht über anderthalb Stunden», klärt sie den dramatisch dilettierenden Professor Gollwitz auf, der berechtigte Zweifel an der Bühnentauglichkeit seiner spätpubertären Römertragödie «Der Raub der Sabinerinnen» hegt.

Und während Gollwitz (Matthias Leja) auf seinen X-Beinen erwartungsgemäß einknickt und sich sogleich beflissen an die Streichung ganzer statistischer Hundertschaften macht, setzt sich der Regisseur Herbert Fritsch selbst ziemlich großzügig über die Neunzig-Minuten-Regel hinweg. Leider behält die von Karin Neuhäuser treffsicher über die Rampe geschwäbelte Intendantin Recht: De facto bringt nicht mal das sportive Trampolin, das sich in Fritschs gelungener Vorgänger-Schwankzurichtung «Die (s)panische Fliege» an der Berliner Volksbühne als hundert–zwanzigprozentiger Pointenbeschleuniger bewährt hatte (und das diesmal nicht in einer Kunstteppichfalte, sondern hinter einem über­dimensionalen roten Sofa klemmt), den «Raub der Sabinerinnen» abendfüllend auf Touren. Die zweite Berufsweisheit, die die Bescheidwisserin Emanuela Striese mit Grandezza ins Parkett schleudert – «Alte ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2012
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Der Bilderstürmer

Mit 81 Jahren ist Wilfried Minks wieder da angekommen, wo er anfing. Er verbringt seine Zeit vor allem mit Zeichnen und Malen, so wie er es schon mit vierzehn und fünfzehn Jahren tat, nach der Vertreibung aus dem böhmischen Dorf Binai, fünfzig Kilometer nördlich von Prag (und fünfzig Kilometer südlich von Theresienstadt – von dem, was dort vor sich ging, wusste er...

Alexander Sokurow verfilmt Goethes «Faust»

Der Anfang ist rauschhaft – aber schnell verflogen. In den Wolken hängt ein zierlicher Spiegel, die Kamera schwebt durch die Lüfte und senkt sich nach einem weiten Panorama-Schwenk auf eine Stadt am Meer und in gebirgigem Tal. Oder doch eher auf eine Fantasy-Landschaft von Mittelerde? Eingekuschelt in den Mutterboden wie – Referenz an F.W. Murnau – in den...

Wien, Schauspielhaus

Vor zwanzig Jahren war Marlene Streeruwitz eine erfolgreiche Dramatikerin. Vor zehn Jahren stellte sie, enttäuscht vom Theaterbetrieb, die Dramenproduktion ein und wurde zu einer erfolgreichen Romanautorin. Im Wiener Schauspielhaus, wo 1994 ihr Stück «Tolmezzo» uraufgeführt worden war, stand die Autorin jetzt nach langer Zeit wieder einmal auf einer Theaterbühne,...