Sentimental Journey

Mit Ersan Mondtag auf der Straße seiner Erinnerungen durch Kreuzberger Parallelstrukturen, Berliner Reformpädagogik, Theaterjugendclubs und Hospitanten-Lehrjahre für eine entschlossene Autoritätsregie

Theater heute - Logo

Berlin-Neukölln am Mittag. Es ist ein Tag wie gemalt für Klischeeliebhaber. Am Hermannplatz mischen sich die Sprachen des Ostens mit den suchenden Blicken internationaler Hipness-Touristen. An der Ampel kauert eine ältere Frau mit Kopftuch und wartet auf Almosen. Zehn Meter weiter in der Sonnenallee wird ein dunkelhäutiger Mann mit Hoodie und gefesselten Händen im Polizei-Van verhört. 

Hier wohnt Ersan Mondtag. Zwischen dem Friseur «Ceyda» und «Takil Köfte Burger – einmalig in Berlin» liegt sein Hauseingang.

Lila an die Wand gesprüht begrüßt einen die Ansage: «Refugees welcome! -> ACAB». Noch sieht es hier aus wie im alten Westberliner Kiez, wo Türken, junge Pläneschmieder und Berliner Transfergeldempfänger in ruppiger Nach­barschaft bröselige Altbauten mit Graffiti-Haut bewohnen. Aber hier wird saniert – seit zwei Jahren und mit dem erklärten Ziel, die Mieten zu erhöhen. Das Stillleben mit Widerständen wird verschwinden, das Unschlüssige soll ersetzt werden durch Biografien ohne Anlass zum Zorn.

Ersan Mondtag lebt hier – wenn auch nur noch zwei Monate im Jahr – in einer kleinen Einraumwohnung im Hinterhof. Hochbett überm Schreibtisch, Sofa, kleiner Tisch mit zwei Stühlen. An den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Nachwuchs des Jahres, Seite 82
von Till Briegleb

Weitere Beiträge
Der etwas härtere Junge

In Pier Paolo Pasolinis Jesus-Film «Das 1. Evangelium – Matthäus» fährt die Kamera immer wieder langsam über die Gesichter derer, die gekommen sind, um Jesus zuzuhören. Pasolini hat seine Komparsen in Südtalien gecastet, einfache Männer aus der Basilicata, Hilfsarbeiter, Bauern, Tagediebe. Das Leben und die Sonne haben ihre Physiognomien verschieden geprägt, manche...

Die Unsichtbaren

In der Vorbereitungszeit auf die Intendanz von Andreas Beck am Theater Basel wurde das neue Team ab und zu in einem Hotel am Bahnhof SBB untergebracht, dessen Frühstücksraum im 8. Stockwerk liegt und bei schönem Wetter einen Blick bis zu den Höhen von Vogesen und Schwarzwald erlaubt. Lenkt der Frühstücksgast seinen Blick nicht in die Ferne, sondern einfach...

Exposé der bürgerlichen Heucheleien

«Ich bin klein
mein Herz ist rein.
Soll niemand drin wohnen
Als Jesus allein.»

Wie viele Kinder müssen dieses Gebet vor dem Schlafengehen aufsagen? Es ist ein Ritual, und als solches schadet es nicht. Man spricht es, weil die Eltern es verlangen. Und irgendwann will man es vielleicht selber auch sprechen, weil man es nicht anders kennt. Die Rebellion setzt erst später...