Das große Metzgern

Österreich holt ein Enfant terrible heim an die Burg: Bericht von der 122. Aktion von Hermann Nitschs Orgien Mysterien Theater

Theater heute - Logo

Der Nitsch ist ja der bekannteste Maler Österreichs. Aber das ist ein ganz normaler und angenehmer Mensch, sehr gescheit, gebildet und gemütlich. Sehr gemütlich!» Der ältere Herr, der dies seinen deutschen Nebenstehern voller Bürgerstolz zu Protokoll gibt, ist zwar nicht unbedingt in Orgienstimmung, aber doch sichtlich in Festtagslaune und wild entschlossen, sich diese durch nichts verderben zu lassen.

Weder durch die frostigen Temperaturen, die auf der Feststiege an der Landtmann-Seite des Burgtheaters herrschen, noch durch die anhaltende Ereignislosigkeit, die das dicht gedrängt wartende Publikum zu Beginn der 122. Aktion des Orgien Mysterien Theaters langsam in Unruhe versetzt. Seit einer halben Stunde ist nichts passiert. Der Chor der Universität Wien hat sich im oberen Stiegendrittel postiert und starrt Löcher in die Luft, nebenan warten Eimer voller Blut und Gedärme auf ihren Einsatz.

Da endlich schleppt eine Handvoll weißgekleideter Akteure einen ans Kreuz gebundenen Nackten heran und bahrt ihn in der Stiegenmitte auf. Mit vereinten Kräften wird ihm ein ausgeweidetes Schwein auf den Rumpf gewuchtet. Hilfreiche Hände reichen Kübel mit Innereien, die wiederum ins leere Tier ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2006
Rubrik: Performance, Seite 32
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die Revolution muss warten

Seit September hat das Wiener Volkstheater einen neuen Direktor. Diesen Satz konnte man zuletzt vor siebzehn Jahren schreiben, als mit Emmy Werner erstmals einer Frau die Leitung einer großen Wiener Bühne übertragen worden war. Zum Nachfolger der Langzeitintendantin wurde der Wiener Regisseur und Schauspieler Michael Schottenberg berufen. Keine besonders...

Im Behaglichkeitsbollwerk

Sein Haus, seine Gäste, seine Frau. Der Mann, Jean Hervey, ist zufrieden. Der Zuschnitt, den er seinem Leben gegeben hat, ist auf korrekte Weise luxuriös. Von einem wohlhabenden Erwerbsbürger dieser Jahre um 1900 erwartet man nichts anderes. Und das wärmt sein konformitätsbedürftiges Herz, was wiederum die stärkste Emotion sein dürfte, derer er fähig ist.

Mit...

Säle mit Seele

Frau Lorenz macht wieder Theater – Frau Lorenz, Seitenflügel vierter Stock im Gebäudekomplex Sophienstraße 18, Berlin Mitte – in der Stadt allerdings besser als «Sophiensæle» bekannt. Denn Frau Lorenz, Altmieterin noch aus DDR-Zeiten, erlebt die Kunst, die hier nun seit gut zehn Jahren Berlins Ruf als europäisches Zentrum des freien Theaters festigt, im...