Der Boden wankt

Nina Raines #MeToo- und Anwaltsdrama «Konsens» (der Stückabdruck liegt diesem Heft bei) wird in Düsseldorf erstaufgeführt und in Kassel nachgespielt

Theater heute - Logo

Auf den ersten Blick strahlt die Situa­tion behagliche Normalität aus: Zwei junge Paare feiern eine Einweihungsparty. Zwischen Kisten und Möbeln stoßen Rachel und Jake mit Kitty und Edward auf deren neues Heim an. Freundschaftlich plänkelt man miteinander und bestaunt das Neugeborene von Edward und Kitty. Doch dann fällt die Frage, was man in letzter Zeit so getrieben habe, und Jake antwortet, «Ich? Naja, Rentner vergewaltigt», Rachel gibt ungerührt an, eine alte Freundin umgebracht zu haben, und Edward teilt mit, er habe «alles gefickt, was in Fickweite war».

Auch wenn wir alsbald erfahren, dass wir es mitnichten mit Psychopathen, sondern mit gängigem Smalltalk unter Anwälten zu tun haben, bei dem man nicht mehr sagt, dass ein Mandant etwas getan hat, sondern es direkt in der Ich-Form ausspricht, gerät doch der Boden, auf dem wir uns so sicher wähnen, für einen Moment ins Wanken. 

Dies ist nicht die einzige Erschütterung, die die englische Autorin und Regisseurin Nina Raine mit und in «Konsens» erzeugt. Schwere, natürlich selbsterzeugte Beben bringen auch die scheinbar glücklich gebundenen, fest im Leben stehenden Figuren mächtig aus dem Tritt. Mit Anwälten und Strafverteidigern ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2018
Rubrik: Das Stück, Seite 47
von Natalie Bloch

Weitere Beiträge
Vorschau - Impressum (5/2018)

Pläne der Redaktion

Über die Münchner Kammerspiele und das Programm von Matthias Lilienthal ist in den Feuilletons viel gestritten worden. Was sagen die Schauspieler*innen? 

Ein Gespräch mit Katja Bürkle und Wiebke Puls

André Kaczmarczyk hat als Jugend­licher in den 90ern beim «Freien Eise­nacher Burgtheater» mitgemacht, dann eine Schauspielausbildung absolviert und...

Sinn ist auch nur eine Sucht

Irgendwann Ende der 90er, Anfang der Nuller Jahre war Benjamin von Stuckrad-Barre, dieser deutsche Namenswitz aus Rotenburg an der Wümme, Pastorensohn, Schulver­sager und Udo-Lindenberg-Fan, tatsächlich ganz oben. Als Spezialist im «Hineinschlawinern» in hippe Locations hatte er es vom pickeligen Oberschüler innerhalb kürzester Zeit zum «Rolling Stone»-Redakteur,...

Die neue Norm

Im Jahr 2014, unmittelbar nach der Annexion der Krim, wurde ich zu einer Konferenz nach Polen eingeladen. Die polnischen Intellek­tuellen und Künstler waren von den Krim-Ereignissen so schockiert, dass sie auf einen Russland-Boykott drängten: kein Besuch von russischen Festivals und Konferenzen mehr, keine Gastspiele in Russland. Ich habe diese Idee damals heftig...