Auf der Suche nach einer guten Revolution

Stanislas Nordey fragt in Paris mit Edouard Louis «Qui a tué mon père?» und Simon Stone inszeniert seine Renaissance-inspirierte «Trilogie de la vengeance» in der Odéon-Dépendance an der Porte de Clichy

Theater heute - Logo

Was ist los in Frankreich? Samstag für Samstag demonstrieren die Gilets Jaunes, aller Polizeigewalt zum Trotz, und schlagen die Luxusboutiquen an den Champs-Elysées kurz und klein. Und im Theater endet ein Stück mit der unverblümten Aufforderung zu «einer schönen Revolution» und wird vom Publikum an einem frühlingshaft sonnigen Sonntagnachmittag mit frenetischem Applaus gefeiert.

«Je crois qu’il faudrait une bonne révolution», lässt Edouard Louis seinen Vater am Ende von «Wer hat meinen Vater umgebracht?» räsonieren.

Das Buch ist ein langer Monolog, eine Anrede an den Verstorbenen, in der Louis seine schwierige Geschichte mit dem Vater aufarbeitet. Die Kindheit, als er beim Nachhausekommen hoffte, das Auto des Vaters stehe nicht vor dem Haus. Die gegenseitigen Enttäuschungen, zum Beispiel, wenn er sich für Vaters Geburtstag als Popsängerin verkleidete. Endlich so etwas wie Annäherung und Respekt für die unterschiedlichen Welten, in denen beide nunmehr lebten. Edouard Louis betrachtet die Vaterbiografie getreu seiner Bourdieuschen Schulung und im Sinn seines Freundes Didier Eribon unter dem Signum des sozialen «Verdikts»: die Mechanismen der gesellschaftlichen Unterwerfung, die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2019
Rubrik: International, Seite 38
von Andreas Klaeui

Weitere Beiträge
«Verdreckt und verschissen, versunken und verstunken»

Die piekfeine «Kronenhalle» mit weißen Tischtüchern und Kunst an den Wänden, der etwas weniger schicke, dafür architektonisch cool geschwungene Kiosk am Bellevue-Platz, die primärfar­benen Kuben von Le Corbusiers «Heidi-Weber-Haus» im Seefeld und ein Pornokino von der Langstraße: Aleksandar Denic spielt mit seiner Drehbühne im Pfauen ganz auf Zürich, ein mit sich...

50 Jahre GRIPS: Zukunft wagen!

Gibt es eigentlich noch Intendantenabgänge ohne opulente Bildbände, in denen sich Episoden zur Ära verklären, geleistete Kulturarbeit im flüchtigen Theaterbetrieb als Coffeetable-Book auf Unsterblichkeit hofft? Noch heikler sind Jubi­läen: 20, 30, 40 Jahre, sind das mehr als Zahlen? Das GRIPS-Theater hat auf dieser Schiene schon diverse Bücher herausgebracht, zum...

Vorschau - Impressum (6/2019)

Punkt 9 des Manifests von Milo Raus neuem NTGent legt fest, dass mindestens eine Produktion pro Spielzeit in einem Kriegsgebiet ohne kulturelle Infrastruktur geprobt und aufgeführt werden muss. Was bringt der erste Ernstfall: «Orest in Mossul»?

Peter Simonischek kann auf stolze 50 Jahre in Ensembles von St. Gallen über Bern und Düsseldorf nach Berlin und Wien...