Am Nullpunkt der Verständigung
Am Anfang war die Fehlbeleuchtung. Ein fahriges Flackern, ein irrendes Licht. Helle Flecken, die dem konturlosen Dunkel der Weltbühne abgerungen scheinen, sich bei aller Zufälligkeit doch ordnen und damit so etwas wie den Beginn einer Zeitrechnung markieren. Den Beginn einer Geschichte allemal, in der das nordfranzösisch-belgische Duo Halory Goerger und Antoine Defoort eine ganze Weile ohne gesprochenen Text auskommen. Am Anfang war jedenfalls nicht das Wort.
«Germinal», so heißt das Stück, ist der perfekte Auftakt für ein entdeckungsfreudiges Nischenfestival wie die Basler Dokumentartage, während denen Fiktion und Kreation nach Herzenslust auf die Wirklichkeit prallen dürfen. Apropos wirklich. Den gelehrten Prolog zum Festivalstart bestritt Dirk Baecker, prominenter Kulturtheoretiker und Wahlbasler. Sein Vortrag umzirkelte die philosophisch hinterhältige Frage: «Was ist nochmals Wirklichkeit?», war gar nicht wortkarg, sondern ermunterte beredt dazu, anstatt die Wirklichkeit mit dem Sein zu verwechseln lieber die Menschen bei ihrer sozialen Blasenbildung zu beobachten. Dann bekomme man immerhin eine Ahnung von der Vielzahl der parallelen Wirklichkeiten, gesetzt den Fall, der ...
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Theater heute Juni 2017
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Stephan Reuter
Missmutig drückt sich Iwanow – ein in jeder Hinsicht blasser Mittvierziger mit blöndlichem Seitenscheitel – an der heimischen Küchenzeile entlang. Seine Frau Anna Petrowna hantiert wacker lächelnd mit Obst, Gemüse und Abendbrotschüsseln und ginge locker als personifizierte Ikea-Küchen-Idylle durch, wenn ihr Kopftuch und die Strickjacke, in die sie sich mit großer...
Wer oder was jung ist, lässt sich ja noch einigermaßen bestimmen: Eine 1991 geborene Regisseurin ist es, ein fast 70-jähriger Ex-Theaterkritiker und Juror sicherlich nicht mehr. Wo aber fängt Radikalität an, und wo überschreitet sie ihre Grenzen? Der Duden bietet als Synonyme für radikal eine ganze Latte von Beispielen: hart, rabiat, rigoros, unnachgiebig,...
Wo Fortschritt ist, macht sich auch Nostalgie breit. Wien war bis in die 1990er Jahre noch dermaßen grau, dass man auch ohne hohes Ausstattungsbudget düstere Spionagefilme, die im Kalten Krieg spielten, drehen konnte. In den letzten Jahren hat sich die Stadt massiv verändert, schicke neue Stadtviertel sind aus dem Boden gewachsen, die...
