Der Weg des Westens
Wer hätte gedacht, dass das zivilisatorische Erfolgsprojekt, in dem für manche schon vor 30 Jahren das Ende der Geschichte erreicht war, so schnell in Gefahr sein würde, sich selbst zu zerlegen? Der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug westlichen Lebensstils, individueller Freiheit und liberaler Demokratie hat offenbar mehr Sollbruchstellen als gedacht, die unter Druck auch erstaunlich schnell nachgeben.
Dabei sollte man diesen guten alten Westen, nur weil er gerade erkennbar bröckelt, auf keinen Fall verklären.
Konstantin Küspert nimmt sich historische oder zeitgenössische Webfehler in unserer politischen Ordnung mit vergifteter Freundlichkeit zur Brust: In jeder seiner 22 Kurz- und Kürzest-Szenen legt er westlichem Spitzenpersonal auf seinem langen Marsch durch Geschichte und Kultur nett den Arm über die Schulter, um dann langsam zuzudrücken. Küsperts «Der Westen» gräbt tief in der europäischen Geschichte, streift ein paar tatsächliche oder Beinahe-Katastrophen der angeblich hochzivilisierten Welt, dreht und wendet die Errungenschaften unserer Lebensformen, betrachtet Gründungs- und Endzeitmythen, besucht eine reichlich abgewrackte Freiheitsstatue, lässt Helden der Popkultur – ...
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Theater heute Mai 2019
Rubrik: Mülheimer Stücke, Seite 48
von Franz Wille
Bevor es richtig losgeht mit der vielstündigen Schlacht der Griechen, der Götter und des olympischem Gedonners, tritt der Schauspieler Nils Kahnwald in der Rolle des Schauspielers Nils Kahnwald an die Rampe der Münchner Kammerspielbühne. Wie ein Boxer trippelt er auf der Stelle und zeigt ein schmales Lächeln. Mit einer merkwürdig hellen, manchmal fast ins...
Jo Fabian hat eine Mission: Jeder Zuschauer soll das aus dem Abend ziehen, was er oder sie für richtig hält. Im Gegenzug legt er seine Inszenierungen so an, dass sie möglichst wenig linear erzählt und dafür umso stärker als Assoziationsfeuerwerk daherkommen. Auch in «Nirvana», nach «Terra In Cognita» die zweite Stückentwicklung als Schauspieldirektor in Cottbus,...
Es gibt wenige zeitgenössische Texte, deren Theatertauglichkeit so wenig augenfällig ist wie Maggie Nelsons «Bluets»: ein schmaler, 2009 erschienener Band, der auf 100 Seiten 240 Prosaminiaturen versammelt, die man als Liebeserklärung an die Farbe Blau lesen kann, mal zögernd, mal drängend, immer mäandernd, tastend. Ein schöner, kluger, streckenweise brüllend...
