Tänzchen mit dem Gegenwartsblues
Untold stories disappear» heißt es anfangs in der «Odisseia» der brasilianischen Cia Hiato: Geschichten, die nicht erzählt werden, verschwinden.
Das Programm des diesjährigen Festivals Theaterformen in Hannover war gefüllt mit solchen Erzählungen, die sich mitunter sehr subjektiv dem Vergessen entgegenstellten: In «Odisseia» erinnern sich verschiedene Performerinnen, auch ausgehend von ihren eigenen Biografien, an Männer, Väter, Geliebte, die aus ihrem Leben verschwanden, und entfesselten den vertrauten Topos des in die Ferne ziehenden Mannes und der zurückbleibenden, fortan wartenden Frau ganz neu und ganz alt, mit unerhörter innerer Freiheit und einer beeindruckenden, souveränen Bühnensprache.
Born to die
In «Cezary zieht in den Krieg» kann der polnische Choreograf und Regisseur Cezary Tomaszewski eine vergangene Kränkung nicht ruhen lassen – und probt den Aufstand: Mit seiner Ausmusterung beim Militär 1994 war er eigentlich ganz d’accord, nicht aber mit seiner Degradierung zu einem Mann der Kategorie E. So setzt er sich zur Wehr gegen diese institutionelle Diskriminierung – mit allen Mitteln seiner Kunst. Und in Mats Staubs Videoinstallation «Death and Birth in my life» ...
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Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Festivals, Seite 22
von Esther Boldt
Von dieser Seite droht nichts Neues. Das Festival von Avignon in seiner 73. Ausgabe zeigt geradezu exemplarisch das Debakel einer arrivierten, institutionell etablierten, selbstgefälligen Linken in Frankreich. «Il faut réinventer la gauche», werden die soziologischen Revolutionäre um Didier Eribon, Edouard Louis, Geoffroy de Lagasnerie nicht müde zu rufen: Man muss...
Ein grölender Trupp nationalsozialistischer Kader um Hermann Göring bittet in der Hölle um Petroleum-Nachschub. Goethes Marthe Schwerdtlein serviert gebratene Engelsflügel. Mephisto flambiert die Nazis in einem Lavastrom. Ein gewisser Max Reinhardt versucht in Jerusalem, all das vor König Salomon auf die Bühne zu bringen. Und die jüdische Autorin des...
Voyeurismus ist doch ganz was Feines. Schön im Dunkeln sitzen und Fehler suchen, während die Spieler*innen in Bochum auf die Bühne klettern und sich in langer Reihe vor dem roten Vorhang aufstellen. Man registriert jede ungelenke Bewegung, jeden unsicheren Blick, scannt jeden Körper, der vom durchtrainierten Ensemble-Standardmaß abweicht. Und schon sind wir mitten...
