Am Nullpunkt
Im Kleinsten steckt das Allergrößte, das wussten schon die Mystiker. Also zum Beispiel die Unendlichkeit in der Zahl Null. Oder, anderes Beispiel, das größtmögliche Desaster im winzigen Einsilber «Krieg». Der betitelt eine epochale Suada, die Rainald Goetz dem Theater 1986 vor den Latz geknallt hat (um es gleich mal in der richtigen Tonlage auszudrücken). Krieg also. Und dann gute dreihundert Suhrkamp-Seiten später: «Still – Stirbt – Finsternis». Kantige Wörter an den Enden der Parabel.
Dazwischen aber, ganz wie in einer Parabel, genügt nicht die einzige Punktierung, sondern da muss sich alles und jedes potenzieren: Also nicht «Dreck», sondern «Dreck – Dreck – Drecksdreck». Ein Wortschwall sondergleichen zur Flutung der «Wahrheitsgaskammer Theater».
Im Auftakt des als Triptychon angelegten Werkes, «Heiliger Krieg» genannt, bietet Goetz ein Panoptikum des palavernden bundesdeutschen Bürgertums nach Machart von Karl Kraus’ «Die letzten Tage der Menschheit». Der Mittelteil «Schlachten» hält das Thomas Bernhardsche Lamento eines verhinderten Malers bereit, der statt in den Künstlerolymp in den Hafen der bürgerlichen Familie eingebogen ist. In der finalen «Kolik» kotzt sich dann ein ...
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Theater heute Mai 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 37
von Christian Rakow
«Warum schweigen Sie denn die ganze Zeit?», fragt die Prüfungskommission der Universität Arizona den 18-jährigen Hal Incandenza mit wachsender Ungeduld. Offensichtlich hat der hochbegabte Tennisnachwuchs nicht nur ein ernst zu nehmendes Kommunikationsproblem, auch Selbst- und Fremdwahrnehmung driften auseinander: «Ich bin hier drin. Ich bin nicht, was Sie sehen.»
...
Der Belgier Luk Perceval, 60, hatte schon einmal weniger Respekt vor dem Alter. In seiner sehr freien Shakespeare-Bearbeitung «L. King of Pain» (2002) gab Thomas Thieme einen Lear als Alzheimer-Patienten, der seine Angehörigen auf eine harte Probe stellte. Als fleischgewordene Zumutung waren «Scheiße» und «Fotze» seine Lieblingswörter, in seiner Altersgeilheit...
Auf die Münchner CSU ist Verlass. Die aufrechten christsozialen Stadtverordneten sind heldenmütig bereit, sich in einem der interessanteren Theaterstreits der letzten Jahre in die reaktionäre Ecke, nein: nicht einmal stellen zu lassen. Sie sind sogar selbst mit Anlauf hineingesprungen.
Zur Erinnerung: Matthias Lilienthal war 2015 als Nachfolger von Johan Simons...
