Foto: Candy Welz
Weimar: Der Rächer der Rentnerklasse
Sie sind immer gut angezogen, sehr gepflegt, auch wenn das Jackett an Kragen und Ärmelkanten schon abgestoßen ist. Man trifft sie am Bahnhofsvorplatz, in Fußgängerzonen, im Einkaufszentrum. Wenn sie eine Pfandflasche aus dem Mülleimer ziehen, dann hat das, im Gegensatz zu den jüngeren Flaschensammler*innen mit der effizienteren Strategie, meist noch etwas betont Beiläufiges. Jürgen ist einer von ihnen, in Dirk Lauckes neuem Stück «Bambule im Herbst», gelegentlich zumindest. Ein Rentner, dessen mickrige Rente zum Leben nicht reicht.
Aber nicht jetzt, nicht wenn Katrin neben ihm auf der Bank in der Shopping Mall sitzt. Dann ist er der humorvolle Beobachter, der dialektisch geschulte Kritiker, der Charmeur. Dann hält er still, wenn sie ihre PET-Flasche im Papierkorb versenkt. Und wenn Katrin, die flotte, leider verheiratete Bibliothekarin im Ruhestand, ein Problem hat, dann wird Jürgen zum Rächer.
Die zunehmende Altersarmut in Deutschland liegt in den aktuellen Statistiken unter anderem deshalb bei «nur» 16 Prozent, weil viele alte Menschen schlicht aus Scham kein Hartz IV beantragen. Laucke verknüpft in seinem Auftragswerk für das Nationaltheater Weimar Sozialkritik und Komödie, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute November 2017
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Cornelia Fiedler
An Hong Konger Aussichten kann man sich nicht sattsehen. Von den Fenstern des Goethe-Instituts etwa schweift der Blick über das Hafenbecken zwischen Festland und Insel, die rund um die Uhr illuminierte Skyline der gegenüberliegenden Seite Kowloon und auf eine Großbaustelle direkt vor dem Haus, welches sich zwischen dem riesigen Convention Center zur Rechten und...
Bonbon-Farben beherrschen die Bühne von Jürgen Höth für das erste Nachspiel von «Vereinte Nationen» (abgedruckt in TH 4/17) – ein Talkshow-Ambiente? Die Möbel der bunten Sitzgruppe haben alle runde Ecken. Verletzen also sollte sich hier niemand – während im Kontrast das Stück ja Verletzung ohne Pause zeigt. Anton und Karin missbrauchen die Tochter Martina als...
Als zweiter Band der Werkausgabe Hermann Sinsheimers, die mit der erstmals vollständig übersetzten Fassung seiner im Londoner Exil geschriebenen Autobiografie «Gelebt im Paradies» begonnen worden ist, liegt nun «Shylock und andere Schriften zu jüdischen Themen» vor. Hermann Sinsheimer, der 1931/32 mit dem Wechsel von München nach Berlin den Gipfel seiner...
