Sprache und Denken
Wie schafft man es mit lautersten demokratischen Absichten, der AfD Recht zu geben? In der neuen Broschüre «Alles nur Theater? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts», herausgegeben vom «Verein für Demokratische Kultur in Berlin» und der «Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin» (gefördert im Rahmen des Landesprogramms «Demokratie. Vielfalt.
Respekt – Gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus» und unterstützt von der Berliner Senatsverwaltung und dem Bundesministerium für Familie), werden Handlungsempfehlungen gegen einen «Kulturkampf von rechts» für öffentliche Institutionen formuliert. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer und Bühnenvereinspräsident Ulrich Khuon haben die «Handreichung» gemeinsam der Öffentlichkeit vorgestellt.
Es geht in der kleinen Broschüre um einen «Kulturkampf von rechts in vollem Gang», um «Inhalte und Motive im Kulturkampf von rechts», um «Techniken des Kulturkampfes von rechts» undsoweiter. Mantraartig wird ein «Kulturkampf von rechts» beschworen und beschrieben, der von Shitstorms gegen missliebige Webauftritte und Personen über parlamentarische Anfragen, Forderungen nach Subventionskürzungen für missliebige Institutionen bis zu Störungen von Veranstaltungen reicht: das übliche Arsenal an AfD-Praktiken (siehe auch TH 2/19).
Kulturkampf? Der Begriff entstand in den 1870er Jahren für Bismarcks Politik der Trennung von Staat und Kirche und wurde notorisch in der unglücklichen deutschen Übersetzung von Samuel Huntingtons «Clash of Civilisations» («Kampf der Kulturen»), der fürs 21. Jahrhundert «Bruchlinienkonflikte» zwischen reichlich diffus begründeten «Kulturkreisen» prognostizierte. Er taucht später in dem krude rassistischen «Manifest» des norwegischen Massenmörders Anders Breivik auf oder in Veröffentlichungen der amerikanischen Alt-Right-Bewegung und von Autoren der Konservativen Revolution.
Dass diese Autoren sich die Begegnung und den Dialog von Kulturen als «Kampf» vorstellen, ist ein erheblicher Teil des ganzen Problems. Kulturen sollten sich gegenseitig respektieren und Argumente für oder wider ihre Lebensformen austauschen, aber bitte nicht miteinander kämpfen. Wer sich mit der AfD und ihren Positionen auseinandersetzt, sollte sich weder auf ihre Spielregeln einlassen noch gar «Kämpfe» führen oder auch nur angedrohte «Kämpfe» abwehren. Wer die Differenzen von Kulturen oder kulturellen Paradigmen allen Ernstes und ohne Anführungszeichen als «Kampf» bezeichnet oder betreibt, ist schon in der falschen Spur. Wer die Begriffe der Rechten übernimmt, gibt ihnen Recht – auch und gerade, wer das gar nicht will.
Ein paar Seiten weiter kommt es in der Broschüre noch toller. Unter Bezug auf leitkulturelle Forderungen der AfD-Fraktion Thüringens heißt es: «Dieselbe Politik der Gleichschaltung ist für die Geschichts- und Gedenkpolitik vorgesehen.» «Gleichschaltung»? Die «Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus» verwendet ungeniert und ohne den leisesten Hauch von Überlegung und Distanz übelstes Nazi-Vokabular? Ein Wort, das Goebbels geprägt hat, soll die Politik der AfD kritisieren?
Wer als selbsternannter liberaler Aufklärer und Vertreter einer offenen Gesellschaft mit bellizistischem und NS-Vokabular operiert, darf sich nicht wundern, wenn ihn Rechtspopulisten wie Marc Jongen kulturell «entsiffen» wollen. Auch wenn Jongen damit etwas anderes meint, hätte er bedauerlicherweise nur allzu Recht. Vielleicht sollten Klaus Lederer und Ulrich Khuon Broschüren in Zukunft genauer durchlesen, bevor sie sie breit lächelnd der Öffentlichkeit präsentieren.
PS. Da die Broschüre auch sachliche Fehler enthält, wurde die erste Auflage mittlerweile zurückgezogen. So wurde dem ehemaligen «ZEIT»-Literaturchef Ulrich Greiner fälschlicherweise unterstellt, er habe die migrationsfeindliche «Erklärung 2018» von u.a. Uwe Tellkamp unterschrieben. Greiner hat dagegen eine Unterlassungserklärung erwirkt.
Theater heute April 2019
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Franz Wille
Unter dem Publikum im Gorki-Theater gab es am Samstag viele Polen. Man hatte ein bisschen das Gefühl, als wäre man in einem Exilkabarett nach einem zukünftigen Staatsstreich in Warschau, der den ‹fortschrittlichen› Teil der Gesellschaft hinter die Oder verbannt hat», schrieb Witold Mrozek, Kritiker der überregionalen polnischen Tageszeitung «Gazeta Wyborcza», über seinen Theaterbesuch in...
Aachen, Grenzlandtheater
14. Vattrodt, Ein großer Aufbruch
R. Uwe Brandt
Annaberg-Buchholz, Theater
7. Lessing, Nathan der Weise
R. Dietrich Kunze
Basel, Theater
11. Lorca, Yerma
R. Mateja Koležnik
16. Projekt, Das Theater der Bilder (U)
R. Daniela Kranz (Eine Koproduktion mit dem Kunstmuseum Basel)
Bautzen, Theater
26. nach Aischylos, Die Orestie
R. Mario Holetzeck
27. Steinke, Lapanje šefa...
Das Erste, was uns vor dem Pavillon zwischen Théâtre de la Ville und Théâtre du Châtelet in die Hand gedrückt wird, ist ein Orientierungsplan für die beiden Bühnen im Zentrum von Paris. Die Châtelet-Seite zeigt Rot auf Schwarz eine labyrinthische Grafik voller Linien und Reizworte. HYSTERIE, KRIEG, ANGST und UNTERWERFUNG stehen SEX, LUST, JUGEND und ZURÜCKWEISUNG gegenüber, dazwischen...
