An der Stellschraube

Yvonne Büdenhölzer, die Leiterin des Berliner Theatertreffens, über die neue Frauenquote

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Eva Behrendt In den letzten drei Jahren, in denen ich selbst Mitglied der Theatertreffen-Jury war, war das Verhältnis Regisseure/Regisseurinnen in der Auswahl Dauerthema. Was hat Sie gerade jetzt dazu bewogen, eine weitreichende Veränderung wie die Frauenquote in die künstlerische Auswahl der zehn «bemerkenswertesten» Inszenierungen einzubringen?

Yvonne Büdenhölzer Es war in der Tat ein Prozess, der sich über einen langen Zeitraum erstreckt hat.

Schon 2009 haben wir uns im Theatertreffen-Begleitprogramm mit «Regiefrauen» beschäftigt, letztes Jahr haben wir den TT-Kontext Schwerpunkt «UNLEARNING Patriarchat» gesetzt, außerdem fand letzten März in Bonn die 1. Konferenz der Theatermacher­innen «Burning Issues» statt. Das Thema Geschlechterungleichheit am Theater beschäftigt mich schon lange, die Frage der Quote ebenfalls, auch die Erfahrungen, die ich selber im Rahmen des Festivals gemacht habe sowie die schiere Statistik: In den 56 Jahren, die es das Theatertreffen gibt, gab es nur 11,7 Prozent Frauen unter den eingeladenen Regisseur*­innen; Pina Bausch war 1980 überhaupt die erste. Irgendwann war einfach der Zeitpunkt gekommen, an dem sich etwas ändern musste und ich gesagt habe: Die Quote ziehe ich jetzt durch.

EB Die Einführung der Quote hat einigen Wind gemacht. Haben Sie damit gerechnet, vielleicht sogar darauf gehofft?

Büdenhölzer Ich habe durchaus mit viel Gegenwind gerechnet. Was mich aber extrem überrascht hat, war auch die äußerst positive Resonanz. Ich habe Emails von ganz unterschiedlichen Theatermacher*innen bekommen, die mir gratuliert und ihre Solidarität ausgesprochen haben. Das hat mich sehr gefreut und auch darin bestärkt, dass es der richtige Weg ist. 

EB Wir haben uns als Jury regelmäßig einen abgebrochen dabei, unsere Auswahl als eine zu verteidigen, die ausschließlich auf künstlerischer Beurteilung fußt und für die Proporz und Repräsentiert werden keine Rolle spielen.

Büdenhölzer Ginge man davon aus, dass unter einer Frauenquote die Qualität des Festivals leidet, geht man auch davon aus, dass Frauen schlechtere Kunst als Männer produzieren. Dem würde ich vehement widersprechen. Tatsächlich ist es allerdings so, dass deutlich weniger Frauen zur Auswahl stehen, weil nur rund 30 Prozent aller Inszenierungen im deutschsprachigen Theater von Regisseurinnen verantwortet werden. Die Quote, das ist jedenfalls mein Wunsch, wird hoffentlich so in die Szene ausstrahlen, dass dieses Missverhältnis auch an den Theatern selbst überdacht wird, gerade auch für die großen Bühnen. Sie ist eine Ermutigung, Frauen als Künstlerinnen zu fördern. Meine These lautet, das ein männlich konnotierter Geniebegriff, der unseren Kultur­betrieb immer noch prägt, dazu beiträgt, dass Regisseurinnen eher als solide Handwerkerinnen gefördert werden, denn als Künstlerinnen. 

EB Worauf gründet sich diese These? 

Büdenhölzer Auf einer subjektiven Beobachtung. Frauen, die durch eine eigene starke Handschrift hervortreten wie Susanne Kennedy, Yael Ronen, Signa Köstler oder Karin Henkel sind nach wie vor eher die Ausnahme. In der Regel müssen Frauen noch viel mehr als Männer beweisen, dass sie Talent haben; sie werden weniger dazu ermutigt, mutige Kunst zu machen. Wenn sie scheitern, wiegt das oft schwerer als bei ihren männlichen Kollegen; sie werden viel härter kritisiert für gleichwertige Ergebnisse. Sie bekommen die kleineren Budgets, auch für Bühne und Kostüme, müssen für ihre Wunsch-Besetzungen mehr kämpfen. Regieassistenten dürfen eher eigene Inszenierungen machen als ihre weiblichen Kolleginnen, weil sich das System den Regiekünstler traditionell als männlich imaginiert.

EB Ist es nicht etwas viel erwartet, mit der Quote beim Theatertreffen die ganze Theaterszene umkrempeln zu wollen?

Büdenhölzer Wir werden nicht die komplette Theaterlandschaft umkrempeln können, indem das Theatertreffen eine mindestens 50 Prozent Quote für Frauen setzt. Aber wir sind hier in der privilegierten Situation, ein Signal zu senden, das mehr ist als eine Geste. Nicht zu vergessen: Wir machen das jetzt für eine Testphase von zwei Jahren, wir werden die Prozesse und Ergebnisse auswerten. Vielleicht braucht man nach zwei Jahren die Quote auch nicht mehr, vielleicht muss man aber auch noch einmal nachjustieren. 

EB Man könnte argumentieren, dass das Theatertreffen die falsche Stelle für eine Quote ist. Dass Quoten eher bei Zugängen ansetzen sollten, etwa zu Regiejobs an den Theatern, auf der großen Bühne. Dann könnte die Theatertreffen-Auswahl das auch anders abbilden.

Büdenhölzer Schon richtig – aber das ist einfach nicht meine Stellschraube. Aber es ist notwendig, das Problem von vielen Seiten anzugehen.

EB Gibt es im Zuge der Frauenquote auch andere Quotierungswünsche?

Büdenhölzer Damit wurde ich auch schon konfrontiert, und das ist natürlich eine berechtigte Frage, gerade jetzt während des Festivals. Man könnte das beispielsweise ausweiten auf Quoten für Künstler*innen mit Migrationshintergrund, Künstler*innen of Color oder Künstler*innen aus den neuen Bundesländern. Wir fangen jetzt mit der größten marginalisierten Gruppe, mit den Frauen an.

EB Wie sehr wird die Quote das Festival selbst verändern? 

Büdenhölzer Natürlich – hoffentlich! – werden dadurch neue Stimmen die Zehner-Auswahl erweitern, weil sich auch das Sichtungsverhältnis der Jury verändern wird. Es werden mehr Inszenierungen von Frauen gesichtet werden, dadurch vielleicht auch an anderen Häusern. Und jede*r in der Jury muss seine/ihre eigenen Sehgewohnheiten überdenken. 

EB Wird die Kritiker*innen-Jury irgendwann überflüssig?

Büdenhölzer Weil wir die Auswahl durch Quoten bestimmen? Nein, das glaube ich nicht. Es gibt jetzt einfach ein Instrument, das die bisherige informelle Männerquote umdreht, indem es besagt, dass mindestens 50 Prozent der Auswahl von Regisseurinnen kommen müssen. Im Rahmen dessen muss nach wie vor über das «Bemerkenswerteste» diskutiert und entschieden werden.


Theater heute Juni 2019
Rubrik: Foyer, Seite 1
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