Das Visier immer oben
Du, Bibiana, bist ein streitbarer Geist, von einer enormen Wachheit und Aufmerksamkeit und einer großen Bereitschaft zum Mitdenken, so dass man sich als Regisseur bis zur Premiere und darüber hinaus in einem Gespräch mit Dir befindet, in dem Lob wie eine unstatthafte Unterbrechung der gemeinsamen Arbeit wirken würde.
Lob hat ja immer auch etwas Gefährliches, weil es abhängig macht, und zwar nicht nur wie eine Sucht, weil man als Gelobter dazu neigt, immer mehr davon haben zu wollen, sondern auch deshalb, weil es den Gelobten sprachlos macht, während er auf Kritik immer mit Arbeit reagieren kann.
Ich halte übrigens die Gefahr in Deinem Fall für nicht besonders groß, weil ich mir nur sehr wenige Dinge vorstellen kann, die Deine Unabhängigkeit ernsthaft gefährden könnten, und ich nicht glaube, dass Lob dazugehört. Das macht mir heute auch Mut, ganz ungeniert draufloszuloben. Deine Kompromisslosigkeit, das Unverbogene, Lautere, manchmal auch etwas Laute, jedenfalls nie Unbestimmte Deines Wesens, eben Deine Unabhängigkeit schätze ich ungemein. Das macht das Arbeiten mit Dir zu einem abenteuerlichen Vergnügen, zu einer steten Auseinandersetzung um Inhalte, Emotionen, Wirkungen und den ...
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Theater heute Jahrbuch 2012
Rubrik: Die Spieler des Jahres, Seite 99
von Martin Kusej
Neue Stücke sind zwar nicht grundsätzlich besser als alte Stücke,aber ohne neue Stücke wird es in Zukunft keine besseren mehr geben. Also auch in der neuen Saison: Die neuen Lieblingsstücke der Dramaturgen!
Was für großartige Gestrigkeiten: Elf bieder-korrekte Anzugmänner und Kostümfrauen, ganz Schlips und Bügelfalte mit grauem Hut, tauchen aus den Tiefen der 60er Jahre, weit entfernt von jeder Eleganz, Uniformträger einer untergegangenen Angestelltenkultur aus dem Geist der Vollbeschäftigung, als noch kein Mensch übertrieben originell oder kreativ sein wollte,...
In den verrammelten Laden im Erdgeschoss, der schon seit Jahren leer steht, sei endlich einer eingezogen, ein Künstler, behauptet der Nachbar, ein arbeitsloser Schreiner. Er werde ihm beim Renovieren helfen. Der heruntergekommene Laden solle Kunstatelier und Galerieraum werden. Mein Freund, der Maler ist, zuckt, als er diese Wortkombination hört, zusammen, und das...
