«Was haben wir falsch gemacht?»

Sergi Belbel «Wildfremde»

Theater heute - Logo

Wildfremd sind sie einander, die Alten und die Jungen in dieser Familie, die einst bessere Zeiten gesehen hat. Misstrauen, Hass, Bevormun­dung vergiften ihr Verhältnis zueinander.

Gierig grapscht der lustgeile Großvater nach dem jungen Fleisch der fremdstämmigen Haushälterin, der Freiheitsdrang der jungen Tochter entlädt sich in aggressiver Schikane gegen die kranke Mutter, der verklemmte Sohn quält sich mit unterdrückter homoerotischer Neigung – und die Mutter, kaum Mitte vierzig und den Tod vor Augen, versucht mit letzter Kraft, die Krusten der Verlogenheit und Verstellung aufzubrechen, verdrängte Gefühle und verborgene Beziehungen ans Licht bringen. Nur für einen Augenblick sind die Spannungen vergessen, dann, wenn das wirklich Fremde über sie hereinbricht, wenn aus der Wohnung über ihnen schrille Musik losdröhnt, fremde Stimmen lärmend durchs Haus schallen. Dann explodiert die Wut gegen die «Scheißausländer», gegen diese fremden Eindringlinge, die «unseren Frieden und unsere Harmonie stören und unsere Großzügigkeit ausnutzen».
Belbel beobachtet den Zusam­men­prall einer traditionsbewuss­ten deutschen Familie mit nicht näher bezeich­neten Zuwanderern über Jahrzehnte hinweg. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2006
Rubrik: Chronik, Seite 43
von Erika Stephan

Vergriffen
Weitere Beiträge
Kostümiertes Frankreich

Die Ausgangslage war brillant: «Der Streit» von Marivaux, eine alte Kiste, aber so aktuell, als hätte sie Houel­lebecq selbst in den Arc de Triomphe gemeißelt. Eine Geschichte über Menschenexperimente, emotionale Klonversuche, Rückverwilderungsgeschich­ten, am Fließband reproduzierte Sündenfallszenarien. Pop, Politik, Science Fiction so weit man sehen kann. Ein...

Unter tausend Sonnen frieren

Zwei Paare, vier Sterne, ein Apfelbaum. Jana geht mit Kalle; Susann geht mit Anton. Die Sterne sind vermeintliche Designerdrogen und ange­schafft, damit man in dieser Nacht mal «was spürt». Der Apfelbaum weist Rich­tung Sternenhimmel. Susann sagt: «Die Sterne. / Mit der ganzen Zeit, die sie haben. / Hängen da oben rum. / Wie Kinder ohne Zukunft.» Die Vier warten...

Die Ruhe nach dem Sturm

In seinem 1932 erschienenen Roman «Von drei Millionen drei» lässt Leonhard Frank («Links wo das Herz ist»), der «Gentleman» (Fritz Kortner) der deutschsprachigen Exil-Literatur, ein durch Hoffnungslosigkeit zusammengeschweißtes Freundes-Trio die Heimatstadt Würzburg und später das Land, in dem man «sicher nur zugrunde gehen kann», verlassen. Sie fliehen vor Armut...