Was heißt schon normal?
Franz Wille «Life and Times» ist ein Crashkurs über den amerikanischen Durchschnitt. Das vielstündige, detailversessene Telefon-Interview, in dem die NT-Schauspielerin und -Musikerin Kristin Worrall von Kindheit an ihr Leben erzählt, kollidiert in den verschiedenen Episoden mit unterschiedlichen populären Unterhaltungsformaten; mit Spartakiade-Übungen im ersten Teil, Standard-Musical-Choreografien oder altmodischem Krimi-Theater in den folgenden Teilen. Das normale Leben hat nach diesen Kollisionen seine selbstverständliche Normalität verloren.
Warum trauen Sie eigentlich der Normalität nicht?
Kelly Copper Das aufgezeichnete Gespräch mit Kristin würde ohne eine Verfremdung – ob durch Spartakiade, Choreografie oder Boulevardtheater – keinen Sinn machen. Diese Art Alltagsmaterial umgibt uns ganz selbstverständlich als normales Leben, und wir hören nicht hin oder nehmen es nicht wirklich wahr. Deshalb interessiert es uns. Es ist irgendwie totes Material – dabei extrem widerstandsfähig gegen alles, was wir damit anstellen wollen. Wir suchen das Besondere im Alltäglichen, wir suchen das Allgemeine im Persönlichen, wir versuchen, ursprünglich völlig undramatisches Material dramatisch zu ...
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Theater heute Juni 2013
Rubrik: Akteure, Seite 32
von Franz Wille
Am Sonntag, dem 30. Dezember 2012, besuchte Angela Merkel eine Vorstellung von «Ödipus Stadt» am Deutschen Theater. Zufällig wohnte auch ich, Kritiker und Theaterwissenschaftler aus Belgrad, dieser Vorstellung bei. Frau Merkel saß auf dem Sitzplatz Nr. 16 in der ersten Reihe auf der ersten Galerie und ich auf dem Sitzplatz Nr. 22 in der dritten Reihe derselben...
Unbewaffnet rückt kein Eidgenosse aufs patriotische Feld aus. Wilhelm Tell trägt seit Jahr und Tag Armbrust. Auch der Schauspieler Mike Müller wappnet sich für seinen «Truppenbesuch». «Müller inspiziert die Schweizer Armee», verspricht sein Soloabend im Zürcher Neumarkt im Untertitel.
Es hat etwas Zivilritterliches, wie sich Mike Müller das Thema erobert. Der...
Fremdheit ist ein Kapital. Dass so wenige es nutzen, liegt vermutlich an der Angst, die es begleitet. Angst vor Ablehnung und Aggression durch andere, die so tun, als hätten sie eine sichere Heimat, Nation und Identität, ihren Kiez und einen unverbrüchlichen Status als Daseier, den sie gegen die Neuankömmlinge verteidigen müssen. Diese Atmosphäre der Bedrohlichkeit...
