Ich ist eine Gummizelle
Vier Stück Mensch, in kleinen Kisten abgepackt; vier Fluchten, vier Mal Alptraum pur – das jüngste Stück des Dramatikers Thomas Freyer, Jahrgang 1981 und aus Gera, erzählt mit unerbittlich finstrer Fantasie Geschichten vom Eingesperrtsein im Ich wie im Wir; und letzter Ausweg scheint stets nur der Schritt ins Nichts zu sein: so viel Jugend und schon so viel Tod. So viel Sterbenlernen macht Angst auf der Bühne.
Zwei Geschwisterpaare stehen am Beginn des Experiments, und deren Welten sind schwerst beschädigt und gestört – die von Robert und Marlen durch die Sterbenskrankheit des Vaters und die Flucht der Mutter: Der Sohn pflegt den Alten hingebungsvoll, die Schwester hat sich nach der Implosion der Familie ganz in sich und ihr Zimmer zurück gezogen; der Bruder stellt ihr das Essen vor die Tür und holt dafür einen Eimer mit den Resten ab. Befreundet ist Robert mit Jakob; dessen Mutter hat den Kopf voll Gott und stets einen Bet-Bruder an der Hand, während Vater bloß hohl schwatzt. Jakob ist längst voller Sehnsüchte nach Grenz- und Todeserfahrung; derweil mimt Schwester Mara oben in der Wohnung noch das behütete Töchterchen, mutiert aber unten im Keller zum billigen Flittchen für die ...
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Deutschland, im Mai 1977. In München packt Franz Beckenbauer, der für ein paar Jahre zu New York Cosmos wechselt, gerade seine Koffer. In Stuttgart-Stammheim sind die Urteile im ersten großen RAF-Prozess gesprochen, deren verheerende Folgen noch nicht abzusehen sind. Und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg wird «Trilogie des Wiedersehens», das dritte...
Zu den wohlfeilsten Abwehrreflexen, die beim Ansehen eines künstlerischen Vortrags oder eben eines Theaterabends entstehen, gehört das Etikett: «krank». Warum? Weil «krank» eben nicht wir sind. Wir sind normal, und die da auf der Bühne sind krank. Man kann nur Vermutungen anstellen, warum diese Reflexe immer wieder so schnell greifen. Erzeugen die Figuren eine...
Ein gründerzeitliches Tableau vivant. Das ist Robert Walsers Erfinderfamilie Tobler in Luzern: apart verteilt im mehrstöckigen Entrée der Villa «Abendrot», einem prächtigen Treppenhaus von Werner Hutterli, reglos erstarrt. Was sich bewegt, ist in dieser ersten Szene einzig der Gehülfe: Wirsich, der gehen muss und seinen Koffer packt. Hose, Hemd – nur nicht die...
