Ankunft im sozialen
So richtig kann Dikmen Gürün die drei Journalisten aus Berlin nicht verstehen. Mit leuchtenden Augen schwärmen die Gäste von der Armut im Elendsviertel Tarlabasi, das während des 16. Istanbuler Theater Festivals zum site-spezifischen Parcours für das deutsch-schweizerische Projekt «X Wohnungen» geworden ist, und greifen dabei beherzt nach dem feinem Gebäck, dass die Festivaldirektorin zum gemeinsamen Hintergrund-Gespräch hat auftischen lassen.
Einer behauptet sogar, die Openair-Schlachtung eines Schafes auf offener Straße als eindrücklichste Theatererfah-rung mit nach Hause zu nehmen. Angesichts solcher Freude am authentisch Erlebten wird es der zierlichen Dame doch etwas mulmig. Öffentliches Metzgern sei längst verboten, erklärt sie, die Sitten in Tarlabasi nicht repräsentativ – schon gar nicht aus der Sicht des selbstbewussten kemalistischen Bürgertums.
Rein zahlenmäßig hat dieses Bürgertum keinen leichten Stand in der widerspruchsvollen, wildwuchernden 14-Millionen-Stadt am Bosporus. Auch wenn es in urbanen Vierteln wie Nisantasi lebt, wo weißverputzte Fassaden blenden, schwarze Limousinen vor teuren Bioläden parken und Nannys ihre Schützlinge von der Schule abholen: Schon an ...
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Doch, doch, sie haben was zu bieten, die Herren Heiratskandidaten. In einer Reihe sind die vier mit ihren blumengeschmückten Gabentischen und Sonntagsanzügen an die Rampe der Kammerspielbühne vorgerückt: der grobschlächtige Chauffeur Karl (Edmund Telgenkämper), der deutschnationale Frauenhasser Müller (Jochen Noch), der speckig-wendige Kellner Max (Peter...
Vielleicht sollten sich Theater, anderen Unternehmen folgend, mal für das Instrument der freiwilligen Selbstverpflichtung interessieren. Zum Beispiel so: «Wir, Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen, Textbearbeiter, verpflichten uns freiwillig, in der Spielzeit 2008/09 probeweise auf allen Authentizitätssprech, insbesondere auf Verwendung von Ausrufen, Wörtern und...
Ist das Fremde mir bekannt/ So wird dafür mir, was bekannt, ein Fremdes», sagt Jason in Grillparzers «Goldenem Vließ», als er Medea seine Liebe gesteht. «Ich selber bin mir Gegenstand geworden.» Sich selbst aus der Perspektive des Fremden sehen und so sich selbst erkennen – so könnte man Karin Beiers Spielzeitrezept formulieren, das sie den Kölnern im ersten Jahr...
