Stützen der Gesellschaft
Koloniale Zustände!», schnaubt Mutter Karin gutgelaunt angesichts des selbstverständlich unterbezahlten und ausgebeuteten lettischen Au-pair-Mädchens Luize im Garten ihrer Tochter. Luize allerdings räkelt sich gerade im roten Bikini hingebungsvoll am Bio-Teich, vor der Nase Zizeks «Auf verlorenem Posten» aus dem Bücherregal ihres Gastvaters. Macht nichts: Karin gehört zur Generation, der die klassenkämpferischen Etiketten noch unbekümmert um präzisere Realitätsbetrachtung über die Lippen kommen.
Ihre eigenen Kinder ließ sie einst ungerührt beim Vater, als sie mit ihrem Lover ins Baskenland verschwand, ihren Achtstundentag verbrachte sie wehenden Rothaars auf Demos respektive mit den dort acquirierten Co-Demonstranten im Bett. «Engagiert» nennt sie das, die Töchter rollen die Augen.
Ulrike Syha hat sie in ihrem neuen Stück in Herrn Schusters «linksliberalem Garten» wieder zusammengebracht: Karin und ihre Töchter. Herrn Schusters Ehefrau Valerie ist – horribile dictu – Managerin im Baugeschäft, eine perfekt organisierte Führungskraft mit Kindern am Rand des Nervenzusammenbruchs; die eher autistische Schwägerin Vera hat das Engagement in die Unikarriere ausgelagert und promoviert über ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das könnte Sie auch interessieren:
Felicia Zeller über ihr Stück «Gespräche mit Astronauten»
Bernd NoackHerr Kusenberg, wir stehen hier in einem lichten Foyer, das über drei Stockwerke geht – wahrhaft großstädtische Ausmaße. Alles ist hell, weitläufig, einladend: kein Vergleich zum Muff von früher...
Klaus KusenbergJa, da stolperte man durch Pfützen, bevor man überhaupt ans Schauspielhaus kam, das wiederum schlecht beleuchtet war, man fand es kaum. Und man...
Irgendwann geht ein tropischer Regenguss nieder. Dann legt der Eingeborene seine Schamanenpranke auf den Körper des Mitteleuropäers, worauf der mal kurz vom Scheitel bis zur Sohle zuckt. Der Gute heißt Felix, ist im Moment aber alles andere als glücklich. Da sitzt er doch tatsächlich zusammen mit der Lisa und der Pascale irgendwo in den südamerikanischen Tropen,...
Es ist ein langer Blick zurück, ein Blick auf Ceausescus Regime, das zu Weihnachten 1989 ein rasches Ende fand. Milo Rau hat gemeinsam mit Marcel Bächtiger vom Sturz des rumänischen Diktators und seiner Frau Elena eine Filmdokumentation geschaffen, die einerseits Szenen aus der gleichnamigen Inszenierung wiedergibt und sie mit Ausschnitten von Fernsehberichten...
