Der Geist von Wilmersdorf
Der Kassandra-Spruch war noch im April gefallen. Hortensia Völckers, die Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, hatte ihn auf der Pressekonferenz zum Berliner Theatertreffen auf die Frage nach der (nicht zuletzt finanziellen) Zukunft des Festivals verkündet: «Der Faden ist gerissen.» Wer noch rätselte, ob die Verbindung zwischen Theater und Gesellschaft im Allgemeinen oder dem Theatertreffen und seinem Publikum im Besonderen gemeint war, für den wurden schon wenige Tage später Faden wie Riss erschreckend greifbar.
Da war zum einen die Verleihung des Joana-Maria-Gorvin-Preises an die Schauspielerin Jutta Lampe. Ein willkommener Anlass für ihre Lebens- und Arbeitsgefährten, nicht nur wie Peter Stein Einblicke in eine gesunde chauvinistische Geisteshaltung (vgl. auch das herrlich aufschlussreiche Interview in TH 5.10) zu gewähren, sondern wie Botho Strauß mit ein, zwei Unterstellungen das Theater der Gegenwart vom Tisch zu wischen: «Es lebt von wechselnden Moden, nicht von Geschichte mit Vorlauf und Folgen, jede seiner Perioden bleibt folgenlos. Es verleugnet sich zugunsten der Reportage, der Installation, der billigen Kunstmarktkopie, des Entertainments, des ...
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Der Titel der fünften Wiener Pollesch-Arbeit klingt gut, hat mit dem Stück aber weder inhaltlich noch formal etwas zu tun. «Peking Opel» handelt nicht von der Krise bei General Motors, sondern von der Krise des Dramas, und Pollesch bedient sich dafür nicht etwa altehrwürdiger asiatischer Theaterformen, sondern greift abermals auf den Hollywood-Fundus und aktuelle...
Vor einem halben Jahr hatte Carlo Ljubek einen Unfall. Der Sturz vom Fahrrad und der komplizierte Bruch von Elle und Speiche sei auch Ausdruck seines «Zerrissenheitsgefühls» gewesen, nach «acht Jahren, die ich nur auf Gleisen gelebt habe. Man kriegt sich selbst nicht mehr eingeholt, steigt in Berlin ein und in Wiesbaden oder Köln aus, aber scheint nur als Körper...
Dass Schmetterlinge mit ihrem Flügelschlag Verheerendes anrichten können, hat sich herumgesprochen. Hier ist die Verheerung schon da, der Schmetterling tot. Aufgespießt auf einem Drehhocker, im schwarzen Négligé, die weißen Beine von sich gespreizt wie ein Falter im Papiliorama, sitzt Isabelle Huppert zehn heftige Bühnenminuten lang allein mit ihrem übergroß...
