Der schnelle Weg nach Osten
Dieser Trigorin ist nicht von hier. Nicht, dass er keine Manieren hätte, die Sprache nicht beherrschte oder der einzig Blonde unter Brünetten wäre. Es sind Nuancen, die den etablierten Schriftsteller aus Tschechows «Möwe» von der Theaterfamilie unterscheiden, in der er als Freund und Begleiter der Schauspielerin Irina Nikolajewna Arkadina (Eszter Csakanyi) zu Gast ist: Man hört seinem Ungarisch noch die Mühe an, jeden Akzent zu vermeiden.
Man spürt, dass sein Selbstverständnis als Künstler sich deutlich von dem der älteren Arkadina, ihres Sohnes Kostja und dessen Flamme Nina (Annamária Láng) unterscheidet: Er ist reflektierter, kontrollierter, ein Intellektueller unter lauter Gefühlsmenschen. Und wenn er die Spinnenbeine übereinanderschlägt und die schmalen Finger nachdenklich gegen die Lippen tippt, sieht man, dass dieser Trigorin zu seinem Körper ein ähnlich distanziertes Verhältnis pflegt wie zum Clan der Diva, der sich auf dem Landgut ihres Bruders Sorin zusammengefunden hat.
Der Schriftsteller Boris Trigorin hat in Árpád Schillings Inszenierung der «Möwe» mit seinem Darsteller, dem Deutschen Tilo Werner, nicht alles, aber einiges gemeinsam. Beide sind jung und ehrgeizig und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
I love you»: Mit rotem Herzen und entsprechendem Bekenntnis erstrahlte das weiße Kapuzenshirt von Rainald Goetz, als er jüngst in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz einem Seelenverwandten seine Reverenz erwies. Es war ein glücklicher Einfall, den «schlaflosesten Zeitgenossen der pubertierenden Berliner Republik» (so kürzlich Gustav Seibt in der...
Die «Rückkehr der Bürgerlichkeit» war in den letzten Monaten der große Dauerbrenner unter den Feuilletondebatten. Bei allen Streitereien darüber, wie das angebliche Revival bürgerlicher Lebensart (Stichwort Messerbänkchen) denn nun einzuordnen sei, bei allem Gezeter darum, ob die Forderung nach mehr bürgerlichen Tugenden (Stichwort Eigenverantwortung und...
In seinem 1932 erschienenen Roman «Von drei Millionen drei» lässt Leonhard Frank («Links wo das Herz ist»), der «Gentleman» (Fritz Kortner) der deutschsprachigen Exil-Literatur, ein durch Hoffnungslosigkeit zusammengeschweißtes Freundes-Trio die Heimatstadt Würzburg und später das Land, in dem man «sicher nur zugrunde gehen kann», verlassen. Sie fliehen vor Armut...
