Wohin die Reise geht

Beobachtungen zum «russischen Showcase» der «Goldenen Maske» in Moskau 2017

Theater heute - Logo

Missmutig drückt sich Iwanow – ein in jeder Hinsicht blasser Mittvierziger mit blöndlichem Seitenscheitel – an der heimischen Küchenzeile entlang. Seine Frau Anna Petrowna hantiert wacker lächelnd mit Obst, Gemüse und Abendbrotschüsseln und ginge locker als personifizierte Ikea-Küchen-Idylle durch, wenn ihr Kopftuch und die Strickjacke, in die sie sich mit großer Geste hineinkuschelt, nicht in aller Unmissverständlichkeit auf eine tödliche Krankheit hindeuten würden.

Es ist die Auftaktszene von Timofej Kuljabins Tschechow-Inszenierung «Iwanow» am Theater der Nationen in Moskau – und wirklich hilfreich, dass direkt mit Verklingen der letzten Silbe enthusiasmierte Zuschauer in Scharen mit kunstvollen Floralkreationen an die Rampe stürzen: ein echtes russisches Theater-Markenzeichen, das mit Grandezza die Frage aushebelt, warum ausgerechnet Moskaus Blumengeschäfte rund um die Uhr geöffnet haben und das Erste, was man nach der Ankunft am lokalen Flughafen zu Gesicht bekommt, ein stoisch vor sich hin rotierender Blumenstraußautomat ist. Ohne die Blumenobsession könnte man nämlich tatsächlich vergessen, dass man sich gerade in Moskau befindet und nicht etwa in Berlin an der Schaubühne. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2017
Rubrik: International, Seite 31
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Osnabrück: Doppeltes Trauma

Mit einem lauen Witz beginnt das Gespräch zweier Beschädigter; beide, er, Michael, und sie, die «Renata» genannt wird, treffen aufeinander in der Cafeteria einer Jugendpsychiatrie; sie kellnert und bringt fast immer Tee, wenn er Kaffee möchte. Und umgekehrt … Was sie denn so mache außerhalb des Cafés, fragt er. «Terrorismus!» sagt sie – hä? Nochmal bitte:...

Eskapismus im Erdreich

Es summt und brummt in allen Ecken des Hauses, als seien seine Wände selbst lebendig geworden. In einer Ecke werden Messer geschmiedet, in der nächsten wird musiziert, dort plätschert Wasser durch ein Pflanzenbewässerungssystem, da sitzt eine Reihe von Menschen versunken an einem Tisch, jede*r für sich ein Video schauend. Die Maulwürfe sind eingefallen am...

Wien: Das Glück aus dem Zylinder

Zu den Attraktionen des Oktoberfests zählte zu Horváths Zeiten ein Panoptikum, eine Art Black Box der Attraktionen. Das zylinderförmige Objekt aus leuchtenden und blinkenden Schnüren, das im Volkstheater auf der Bühne steht, erinnert entfernt an ein solches Panoptikum; es ist das Einzige, was in dieser Aufführung äußerlich auf die Wiesn verweist. Zu sehen ist das,...