Das Verschwinden der Ord

Georg Büchner «Woyzeck»

Theater heute - Logo

Dieser Woyzeck hätte eigentlich ein leichtes Spiel und könnte sich ohne große Not aus seiner Lage befreien. Alle, die ihm Böses wollen, sind nämlich nicht ganz richtig in der Birne: Der Doktor (Peter Reisser) ist ein Zwangsneurotiker und durchgeknallter Rationalist, dem die Wissenschaft und das Denken das Hirn verklebt haben; der Hauptmann (Sascha Römisch) eine ständig unter Strom stehende Obrigkeits-Marionette, der die pure Einfalt zu den Ohren, meist aber schwallend zum Maul herauskommt.

Zwei nur noch witzige Figuren, zwei abgetakelte Jahrmarkts-Attraktionen, für die man keinen Eintritt mehr bezahlen möchte: Bis zur Erschöpfung produzieren sie sich dennoch peinlich im Rampenlicht, traktieren ihre Filzhüte und die Geduld ihrer Mitmenschen, auf Schwachsinn-komm-raus zerstückeln sie ihre Sätze, pressen, kreischen und lallen Unverständliches und Wirres hervor. Und bestehen darauf, dass es klug ist.

Und mittendrin Woyzeck, mit großen, leeren Augen, der glotzt und kein Wort mehr kapiert. Unter seinen Schuhen knirschen die Erbsen, die er doch unaufhörlich in sich reinstopfen sollte, auf denen er ausgleitet. Es gibt keinen festen Boden mehr, ein einziger Sturz ist dieses kurze Leben, in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2007
Rubrik: Chronik, Seite 39
von Bernd Noack

Vergriffen
Weitere Beiträge
Narzisstische Nervenspektakel

Mit diesem bürgerlichen Trauerspiel ist es eine komplizierte Sache. Seit Fritz Kortners vielgerühmter Inszenierung von 1970 gilt es als ausgemacht, dass Galottis Tochter den Prinzen von Guastalla «liebt», in ihn verknallt ist oder wie immer wir dieses eigentümliche Nervenspektakel einer widersinnigen Anziehung nennen wollen. 

Das macht allerdings weder die Deutung...

Von der Würde des Durchwurschtelns

Der eine ist der berühmteste Geldfälscher der Zwischenkriegszeit. Weil der Maler Salomon Sorowitsch von seiner Kunst nicht leben kann, verdient er sein Geld mit falschem Geld. Ein kriminelles Talent, das er notfalls auch in den Dienst der Nazis stellt, obwohl sie ihn, den Juden aus Odessa, ins KZ gesteckt haben. Der andere, Adolf Burger, würde hingegen jedes Opfer...

So richtig gemütlich

Ob es eine gute Idee ist, Romane zu verfilmen, darüber muss sich im Grundsatz niemand mehr den Kopf zerbrechen. Die Kinobranche bedient sich munter in der Weltbibliothek. Das Theater auch. Mal glückt es, mal missglückt es. Ob es jedoch originell und vor allem klug ist, ein Filmskript auf der Bühne auszubreiten, ist eine interessantere Frage. Schließlich muss man...