Wirklichkeit im Reich der Zeichen
Nebel im Olivenhain und Nebel im Gemüt. Endlose Minuten schleichen wir mit Merle durch das südfranzösische Ferienhaus ihres älteren Geliebten, in dem es trotz Sommerhitze ordentlich fröstelt. Weil dieser Geliebte Romuald mit seiner Anreise tagelang auf sich warten lässt, muss Merle mit seinen pubertierenden, wohlstandsverzogen dahindämmernden Kindern allein klar kommen. Sie belauern sich, sie befreunden sich und schließlich befummeln sie sich noch ein wenig aus einer traurigen emotionalen Übersprungshandlung heraus – wie’s Vernachlässigten halt so passieren kann.
Vernachlässigt sitzt man da auch im Kinosessel, wenn dieser Berlinale-Streifen «Halbschatten» (von Theater- und Filmemacher Nicolas Wackerbarth) wortkarg und weltverloren über die Leinwand schleicht. Und es hilft nicht einmal, dass jene Merle mit einiger Nehmerqualität von Anne Ratte-Polle gespielt wird, die man so verflucht gern mal wieder in ihrer einzigartigen Explosivität mitten im Diskursgewitter der Berliner Volksbühne sehen würde.
Theatergesichter in Nahaufnahme
Ja, man hatte auf der 63. Berlinale ausgiebig Gelegenheit, die Pathosformeln des zeitgenössischen Autorenfilms kennenzulernen. Zumindest, wenn man sich ...
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Theater heute April 2013
Rubrik: Berlinale, Seite 30
von Christian Rakow
Als vor zehn Jahren das erste «100° Berlin»-Festival über die Bühnen des HAU und der Sophiensaele tobte, war alles Tohuwabohu. Ehrgeizige Theaterwissenschafts–studentInnen brannten darauf, vor Publikum ihr frisch erworbenes Wissen anzuwenden, hochmotivierte Dilettanten präsentierten ihre Passionsspiele, ergraute Szene-Hasen, denen nach Jahren der Förderhahn...
Das hat schon was: Wie sich der Kameramann mit einer weichen Pirouette vom Bett wegdreht und mit ein paar fliegenden Schritten in den Nebenraum eilt, um dort gerade rechtzeitig – Schnitt – die Heldin ins nächste präzis ausgeleuchtete Close-up zu setzen. Diese Tänzchen der Technik gehören auch zum Genuss eines Katie-Mitchell-Abends; diese kleinen, unwillkürlichen...
Noch hat Karin Beier die Intendanz am Hamburger Schauspielhaus nicht angetreten, aber der Hype lässt sich schon anfeuern. Zum Beispiel so: «Spiegel»-Autor Wolfgang Höbel hat eine Art Biografie der Theaterleiterin und Regisseurin geschrieben. Mit gerade mal 47 Jahren ist man zwar eigentlich noch nicht biografietauglich – aber seit Beier ab 2007 das vollkommen am...
