Und der Mensch ist doch gut!
Wie versteinert sitzt die ältere Frau im Zentrum der Bühne. Dicke Spinnweben überziehen ihren Körper. Um sie herum hat Bühnenbildner Dirk Thiele haushohe Wände errichtet, in deren setzkastenähnlichen Auslassungen Darsteller wie Schießbudenfiguren im Halbdunkel verharren. Mit einer bizarren Märchenszenerie eröffnet Heike M. Goetze ihre bei den Ruhrfestspielen herausgekommene Inszenierung von Christoph Nußbaumeders neuem Stück «Mutter Kramers Fahrt zur Gnade». Es ist die pensionierte Lehrerin Anita Kramer, die sich hier in einer Dornröschenstarre befindet.
Nußbaumeder lässt hingegen in seinem bürgerlich volksstückhaften Text die Kaffetassen und Kuchengabeln nur so klappern: Anita schlägt nach dem Tod ihres Mannes mit Bibelkreis und undankbarer Tochter die Zeit tot, bis sie den arbeitslosen Hudi kennenlernt. Durch ihn erfährt sie eine Art Politisierung, hört erstmals von der erniedrigenden Behandlung im Jobcenter und von beschönigten Arbeitslosenstatistiken. Sie beginnt eine Beziehung mit ihm, zum Entsetzen von Rentner Kurt, der mit Anita gemeinsam in ein Seniorenheim ziehen möchte, und ihrer Tochter Carmen, die gerade Leiterin des Jobcenters geworden ist und es gemeinsam mit ihrem ...
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Theater heute Juli 2013
Rubrik: Chronik: Bochum Schauspiel, Seite 60
von Natalie Bloch
Herberts Bratwurst ist die billigste, denn sie ist eigentlich nicht mehr genießbar. Damit das nicht auffällt, hat sie Herbert einer «Spezialbehandlung» unterzogen. Die «gute lauge», in die er sie legt und die schon «seine oma genutzt hat nach dem krieg», ist mit Arsen und Rattengift versetzt. Das Siegerstück der Essener Autorentage 2012 ist das Stück zur Stunde des...
Der im März 1938 erfolgte «Anschluss» Österreichs an Deutschland wird stets mit Anführungszeichen geschrieben, weil es sich dabei um einen Nazi-Begriff handelt. Durchgesetzt hat er sich trotzdem. Noch heute, 75 Jahre danach, spricht
niemand von Annexion oder Überfall. Vielleicht, weil «Anschluss» diese gar nicht so feindliche Übernahme dann doch noch am besten...
Da sind wir definitiv schon leidenschaftsärmer begrüßt worden in den mehr oder weniger heiligen Theaterhallen: «Das Publikum, das Publikum, das Publikum», schnarrt ein whitegefaceter Empfangschef mit dunklem Anzug und ebensolchem Oberlippenbärtchen in Endlosschleife den Menschen entgegen, die sich von der Kastanienallee aus in den Prater drängeln. Handelt es sich...
