Andreas Jüttner
Immerhin ein kleiner Mann sieht nach der großen Revolution noch so aus wie vorher: der Hausmeister (Dilaver Gök). Der darf im klischeegrauen Mantel auf die Bühne schlurfen und saubermachen, wenn die Herrschaften Revolutionäre beim heftigen Disput für und wider ein Guillotinen-Blutbad mal wieder den Konferenzraum verwüstet haben. Und was hat er selbst von der Revolution? «Es ist recht gut, dass das Sterben so öffentlich wird», ist der einzige
deutsche Satz in seinem kurzen, überwiegend türkischen Statement am Ende der Aufführung.
Öffentlich ist hier freilich alles: Nuran David Calis verarbeitet in seiner ebenso zeitnahen wie texttreuen Inszenierung das junge Phänomen der Medienrevolution. Gleich zu Beginn düsen Bilder eines (oder mehrerer?) Umstürze im Sauseschritt über die drei Fernseher, die
per Splitscreen in je neun Felder unterteilt sind – mit dem Effekt, dass dieser Revolutions-Schnelldurchlauf so berauschend unübersichtlich bleibt wie die rotierenden Bilder in einem Spielautomaten. News-Laufbänder à la n-tv künden von sich minütlich verschärfenden Krisensituationen, die Konvent-Konkurrenten überschreien sich bei «Anne Will» mit ihren Forderungen («Das ...
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Theater heute Mai 2011
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Andreas Jüttner
Es war 1995 bei den Proben zu «Nibelungen – Born Bad». Herbert Fritsch, der den Hagen spielte, hatte sich als Kostüm ein Kettenhemdröckchen, langes Blondhaar und schwarze Strumpfhosen ausgesucht. Als besonderen Clou bestellte er in der Schlosserei für jeden Auftritt ein immer größeres Schwert, das er schließlich in voller Bühnenbreite über die Szene schleifte. Da...
Und dann, als sich die Applausordnung zerstreut und die Akteure hinter die Bühne strömen, ist sie noch einmal da, diese eigentümliche schwebende Bewegung. Wie ein Eiskunstläufer gleitet er die steile Showtreppe hinauf. Gelöst beinah. Nur der Oberkörper unter seinem braunen, etwas steifen Sakko, der will so gar nicht hoch. Der beugt sich leicht vor, die Arme...
Der Skandal kam zum Schluss. Es ist eine nahezu blinde Szene, in der Tiefe der Bühne sitzen zwei schemenhafte Gestalten und sprechen – mit sonorer Stimme der eine, mit einer knabenhaften Altstimme der andere – den Chat-Dialog des sogenannten Kannibalen von Rotenburg und seines Opfers/Partners. Großer Zuschauer-Exodus bei der Premiere. Es war die Entscheidung des...
