Der Daseinsnostalgiker
Bernd Noack Das Drama der Stunde ist «Die letzten Tage der Menschheit» von Karl Kraus. In Wien kann man gleich an zwei Häusern Neuinszenierungen sehen. Kraus selber sagte es praktisch voraus, dass man vergessen wird, was damals geschehen ist, und deshalb genauso weitermachen wird.
Ist die Menschheit unfähig zu lernen?
Franz Schuh Die Tatsache, dass dieses Drama «Die letzten Tage der Menschheit» heißt, könnte man ja einfach konterkarieren mit folgendem satirischen Spruch: Das ginge ja nun doch nicht, «Die letzten Tage der Menschheit» schreiben und sie überleben. Aber gemeint ist eigentlich, dass das, was als positive Projektion in dem Wort Menschheit stecken mag, dass das nunmehr nicht funktioniert. Mit diesem Ersten Weltkrieg, folgt man Kraus, wird eigentlich eine Grenze zu einer Grausamkeit überschritten sein, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Der Zweite Weltkrieg und ihm folgende Kriege an anderen Orten der Welt belegen das ja: Die alte Frage, ob die Menschen aus der Geschichte etwas lernen, kann man hegelianisch, also mit dem Philosophen Hegel beantworten: Dass man aus der Geschichte nur lernen kann, dass die Menschen aus der Geschichte nichts lernen.
BN Sie haben das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2014
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Bernd Noack
Der Kolonialismus ist auch nicht mehr das, was er mal war. Anno 1899 waren die Verhältnisse noch erfreulich übersichtlich. Joseph Conrad schrieb sein «Herz der Finsternis», und Kapitän Marlow schipperte im Auftrag einer belgischen sogenannten Handelsgesellschaft den Kongo hinauf auf der Suche nach einem Elfenbeinagenten, der dort ein finsteres Schreckensregime...
Man muss sich den Kollegen A als wirklich streberhaften Musterbürger vorstellen: geschätzte dreißig, Druckereiangesteller, Vater einer kleinen Tochter in eheähnlicher Lebensgemeinschaft, gediegen linksliberal. Und weil sich A (Sascha Göpel) selbstredend als solidarischer Zeitgenosse versteht, springt er kurzfristig für einen verhinderten Kumpel an der Kasse eines...
«Nichts», tönt Nadine Geyersbachs Stimme aus einem Ding, irgendwo zwischen Sitzsack, Fruchtblase und riesigem Marshmallow. «Nichts … ist aussichtsloser zu schildern als Leere. Nichts schwerer zu veranschaulichen als Monotonie.» Eine Welterschaffung: Anne Sophie Domenz hat ihrer Inszenierung von Schillers «Maria Stuart» am Theater Bremen eine Textcollage...
