«Oh, du arabisches Rasseweib»
Medea als Migrantin gab es in dieser Saison schon des öfteren zu sehen. Aber wohl nie so deutlich wie jetzt in Stuttgart. Da schließt Volker Lösch in bewährter Chor-Aktualisierungs-Manier ein Restgerippe von Euripides’ Dramentext mit den Lebensberichten von 16 Stuttgarterinnen aus türkischen Familien kurz. Der Anlass laut Programmheft: Stuttgart ist nach Frankfurt die Stadt mit dem größten Ausländeranteil. Er beträgt 23 Prozent, davon ist rund ein Viertel türkischer Herkunft. Die Grundidee wird so skizziert: «Medea kommt aus der Türkei.
Sie ist hier in Deutschland groß geworden.» Das steht richtigerweise unter dem Titel «Die Behauptung». Denn viel mehr wird es in rund 100 Theaterminuten nicht.
Im Kern besteht der Abend aus dem Versuch, chorisch vorgetragene Alltagserfahrungen zu verzahnen mit zentralen Medea-Szenen. Einleuchtend ist diese Verbindung in der Anfangssituation: Medea hat ihre eigene Familie verraten und ist mit Jason in die Fremde gegangen, wo dieser sie nun verlässt. Der Familienverrat spiegelt sich in jenen Chorpassagen, in denen die Türkinnen vom elterlichen Verbot der Beziehung zu Deutschen berichten, und Medeas Unbehaustheit mag man gleichsetzen mit dem geäußerten ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Helmut Krausser ist ein Vielschreiber mit Furor und einer oft übersehenen sentimentalen Ader. In «Afrika» schildert er die Kunstszene als das kapitalistische Prinzip schlechthin: Künstler sind hier die Anschaffer, die Welt macht sie käuflich, und alle, fast alle, machen mit.
Im Mittelpunkt steht die zynische Lucy, Mitte 50, im Begriff, ihre Galerie an einem neuen...
Die besondere Qualität von Jugendwerken liegt nicht selten in der Vehemenz, ja Unverhältnismäßigkeit der Mittel, mit der sie ein einmal gesetztes Ziel verfolgen. Im Fall von Heinrich von Kleists Schauerstück «Die Familie Schroffenstein» scheint es, der Autor wolle den inhärenten Schrecken der Liebe mit den kruden Schrecknissen einer feindlichen Umwelt wie den...
Wenn man den Punk immer nur so aus geschützten Zuschauerrängen mitbekommen hat oder in den Disconächten besetzter Häuser oder als Erster-Mai-Demonstrations-Touristin in Kreuzberg, fragt man sich ja schon ab und zu ein bisschen, worin denn da wirklich der Reiz besteht. Auch der intellektuelle. Ob sich im Punk Debatten nicht einfach Luft machen oder irgendwann in...
