Der fleißige Extremist
Keine Menschenseele war zu sehen, damals am Krasny-Prospekt, nachts um halb eins. Wäre auch Irrsinn gewesen, bei Atem raubenden 35 Grad Celsius minus. Dann doch lieber das Gegenteil – gefühlte 35 Grad plus, wie sie im Innern des prächtigen, völlig überheizten Opernhauses von Novosibirsk herrschten, wo ohnehin die bessere Sause lief: Sektkorken knallten, Wodka wurde gereicht, warmes Bier, schwersüßer Rotwein; Zigarettenqualmwolken stiegen zur Decke, Stimmen, Körper, Gedanken verknäuelten sich.
Premierenfeiern sind meist lustig.
Diese, an einem Wintertag 2010, war es ganz besonders, weil sie ein plötzlicher Regie-Einfall, womöglich eine charmante Laune des Schicksals war. Und weil die Party nicht in einem schmucken Ballsaal stieg, sondern in den Büroräumen jenes Mannes, der wenige Stunden zuvor, bei der Wiederaufnahme einer merklich angestaubten «La Bohème»-Inszenierung, erneut gezeigt hatte, welch musikalisches Potenzial in ihm steckt. Erstaunlich, ja unerhört, was da aus dem Graben herauskroch: ein leiser, behutsamer, sensitiver Puccini-Ton, der – ungemein differenziert in Tempi und Klangfarben, agogisch freizügig – den Sängern einen Teppich auslegte, der sich anfühlte wie ...
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Theater heute April 2019
Rubrik: International, Seite 52
von Jürgen Otten
Ein Stück, wie aus der Zeit gefallen: Eine versiffte Bar irgendwo im Nirgendwo, die Männer pissen auf den Boden, die arbeitslosen Prostituierten schwelgen in der glorreichen Vergangenheit. Damals, als sie bereit waren, «alle männlichen Elche zu befriedigen», die auf der Jagd nach Gold und Diamanten hier einkehrten, in der legendären New-Jersey-Bar. «Sie rochen nach...
Neue Stücke
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