Auf den zweiten sieht man besser
Am Ende schmilzt ein Scheinwerfer ein Loch in die Wabenwand, das Wachs tropft, und grelles Außenlicht dringt ins hermetisch verschlossene, gelbgekachelte Bienenstock-Interieur. Bis dahin konnte man darin eine aufgekratzte Gesellschaft von Neurotikern, Gewaltmenschen und feingeistigen Schmarotzern besichtigen, wie sie an unbestimmten Sehnsüchten, realitätsfremden Weltentwürfen und Langeweile laborieren und dabei notorisch die grassierende Cholera, das soziale und emotionale Elend in unmittelbarer Nähe übersehen.
Maxim Gorkis vorrevolutionäre Verhaltensstudie «Kinder der Sonne» (verfasst 1905 während einer politischen Inhaftierung des Dichters) bietet ähnlich wie Tschechows luzide Endzeitdiagnosen jede Menge Anschlusspunkte für prekäre Kippsituationen mit ungewissem Ausgang – und Spielfutter sowieso.
Beim Festival «Radikal jung», der seit 2005 jährlich vom Münchner Volkstheater ausgerichteten Plattform für jüngere Regisseure in den ersten Jahren der Professionalität, ist Daniela Löffners Inszenierung aus dem Schauspielhaus Zürich allerdings ein überraschend gediegener Einstieg, großes Schauspielertheater in einem konzentrierten Raumkonzept (Bühne: Claudia Kalinski), das keinerlei ...
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Theater heute Juni 2013
Rubrik: Festivals, Seite 45
von Silvia Stammen
So einen Theatervorhang hat das Akademietheater wahrscheinlich noch nie gesehen: Der rote Samt ist über und über mit Dreck verschmiert. Das gilt aber auch für das Kostüm von Salome Pockerl, der rothaarigen Gänsemagd aus Johann Nestroys Posse «Der Talisman» (1840). Eigentlich ist die ganze Bühne (Patrick Bannwart) total versaut, und die Umgangsformen sind auch nicht...
Fremdheit ist ein Kapital. Dass so wenige es nutzen, liegt vermutlich an der Angst, die es begleitet. Angst vor Ablehnung und Aggression durch andere, die so tun, als hätten sie eine sichere Heimat, Nation und Identität, ihren Kiez und einen unverbrüchlichen Status als Daseier, den sie gegen die Neuankömmlinge verteidigen müssen. Diese Atmosphäre der Bedrohlichkeit...
Franz Wille «Life and Times» ist ein Crashkurs über den amerikanischen Durchschnitt. Das vielstündige, detailversessene Telefon-Interview, in dem die NT-Schauspielerin und -Musikerin Kristin Worrall von Kindheit an ihr Leben erzählt, kollidiert in den verschiedenen Episoden mit unterschiedlichen populären Unterhaltungsformaten; mit Spartakiade-Übungen im ersten...
