Tarantellas Veitstanz
Der Säugling liegt auf dem blanken Boden in der Mitte der Bühne. Er blinzelt in die riesige grelle Industrielampe, die wie ein Damoklesschwert über ihm pendelt, zuckt mit den Armen und schließt die Augen. Kurz zuvor hatte Jokaste ihn hier abgelegt und seinem Schicksal überlassen, das ihn alsbald in Gestalt der kriechenden, rollenden Horde der Ödipus–kindeskinder mit sich zieht. Mehr Widergänger als Hoffnungsträger scheint das Neugeborene zu sein, denn es wurde in einem gespenstischen Geschlechtsakt mit einem langhaarigen alten Mann gezeugt – dem wieder auferstandenen Laios.
Zum dritten Mal hat sich der belgische, auf internationalem Parkett tanzende Regisseur, Choreograf und Schauspieler Wim Vandekeybus mit seiner Tanzkompanie Ultima Vez dem Ödipus-Mythos gewidmet. Nach der Uraufführung in Wien gibt es nun eine Kölner Version, an der neben den Tänzern auch vier Kölner Schauspieler beteiligt sind. Die äußerst knappe, klare Textfassung von Jan Decorte unterbricht und strukturiert die exzessiven Tanzszenen, in denen die Vorgeschichte der Ödipus-Tragödie assoziativ aufleuchtet: Zerquält-verdrehte Körper dokumentieren Pest und Leichenberge, inzestuöse Übergriffe und eine gewaltvoll ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2012
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Natalie Bloch
Als Rainald Goetz noch kein preisgekrönter Schriftsteller und Dramatiker, sondern Kinder–buchrezensent war, «destillierte» er aus den Kritiken von Benjamin Henrichs, Michael Skasa und Peter von Becker sämtliche Adjektive, um sie später in eigenen Texten verwenden zu können. Doch Joachim Kaiser, einst Feuilletonchef der «Süddeutschen Zeitung», schickte den jungen...
Die Schnellsprechhysterie hat etwas nachgelassen und auch der Punch beim Austeilen theoretischer Tiefschläge wirkt ein wenig gebremst. Bei seinem jüngsten Zwischenstopp an den Münchner Kammerspielen zeigt René Pollesch, der seit fast 15 Jahren Schauspieler und Zuschauer mit seinen diskursgesättigten Denkströmen in Atem hält, keinerlei Ermüdungs–erscheinungen, aber...
Am 12. Juni wird in Köln der 61. Preisträger des renommiertesten deutschen Hörspielpreises ausgezeichnet. Damit es bis zum Schluss spannend bleibt, gibt es erstmals eine Endrunde mit drei Nominierungen aus einem beachtlich starken Jahrgang von 22 Stücken im Wettbewerb. Darunter Alexander Kluges Katastrophen-Großessay «Die Pranke der Natur» (Bayerischer Rundfunk),...
