Dortmund: Die Theatermacker
«Empört euch!», dieser Appell war 2010 noch positiv besetzt, als Stéphane Hessel, UN-Diplomat und ehemaliger Résistance-Kämpfer, seinen gleichnamigen Essay veröffentlichte. Aus heutiger Sicht ist die Wortwahl ein ziemlicher Fail. Empörung ist in den sozialen Netzwerken zur Standardtonalität geworden. Im Normalfall verpufft sie dort, im schlechtesten führt sie zur digital vernetzten Menschenjagd.
Das Phänomen Empörung erklären Kay Voges und sein Team nun zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Inszenierung von Thomas Bernhards «Theatermacher» – einer dreistündigen Wut-Revue in neun Variationen des immergleichen Stückes.
Entstanden ist ein Abend, der im unmittelbaren Erleben gut funktioniert. In der Erinnerung verschwimmt er unweigerlich zu einem Chor zeternder und zürnender Theatermacherinnen und -macher, mal in SS-Uniform, mal in Neon-Aerobic-Stretch, mal im Ganzkörpergips (Kostüm: Mona Ulrich). So viel dreht sich im Kopf, dass man sich kurz vor der Tiefgarage plötzlich fragt: Lief nach dem Applaus wirklich «Utzbach, Utzbach wie Butzbach» auf die Melodie von Abbas «Waterloo» – oder passiert das nur in meinem Kopf? In beiden Fällen hat das T.D. Finck von Finckenstein zu verantworten. Er ...
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Theater heute Mai 2018
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Cornelia Fiedler
Nein, es gibt keinen äußeren Anlass, warum tout Munich nun schon seit Februar und noch bis zum Sommer im «Faust»-Fieber schwelgt. Jeder ist eingeladen, und alle sind gekommen. Zwischen 100 und 500 Veranstaltungen sollen es sein, keiner weiß das so genau, Lesungen, Aufführungen, Konzerte, Spaziergänge sprießen wie die Frühlingszwiebeln. Die Paulaner-Brauerei lockt...
Im Jahr 2014, unmittelbar nach der Annexion der Krim, wurde ich zu einer Konferenz nach Polen eingeladen. Die polnischen Intellektuellen und Künstler waren von den Krim-Ereignissen so schockiert, dass sie auf einen Russland-Boykott drängten: kein Besuch von russischen Festivals und Konferenzen mehr, keine Gastspiele in Russland. Ich habe diese Idee damals heftig...
Hinter Stäben bald keine Welt mehr. Eine Lichtorgel- und Lichtstab-Installation kreist auf Volker Hintermeiers Drehbühne, in deren Mitte mächtig drohend ein angefressener, verkohlter Erdball den Verfall ankündigt. Es rumort und grollt von der Tonspur, als würden in weiter Ferne Züge rangiert.
Lars von Triers zweistündige Missa Solemnis vom Weltuntergang (2011)...
