Die Kultur der Kritiker
Was für ein furioses Solo: In extrabreitem Wienerisch donnert Stefanie Reinsperger den Bericht eines somalischen Piraten ins Akademietheater, der sich sein solides Handwerk nach dem Scheitern anderer beruflicher Perspektiven auf einer ordentlichen Piratenakademie u.a. mit einem kleinen Stipendium der Studienstiftung des somalischen Volkes angeeignet hat.
Der sympathische junge Mann, der sich selbst als «schwarzer Neger aus Somalia» vorstellt, hat nicht nur seine Koloniallektionen mit Prädikat verinnerlicht und darf als Prachtexemplar westlichen Kulturexports gelten, er verschmilzt in der zupackenden Reinsperger Performance auch noch gleich mit einem vollgegenderten österreichischen Underdog, was in der Summe einen reichlich tollkühnen europäischen Kulturhirnmix ergibt. Der das Autorenhirn, dem er entspringt, mindestens ebenso unter Verdacht stellt wie die hochkonstruierte Figurenwelt, auf die er sich bezieht.
Was weiß Wolfram Lotz schon über somalische Piraten? Wahrscheinlich nicht mehr als jeder andere, der Zeitung liest oder ein bisschen im Internet recherchiert. Also vermutlich genau die diffuse Wolke an Informationen und Vermutungen, die Sie und ich auch im Kopf haben ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2015
Rubrik: Das Parlament der Kritiker, Seite 148
von Franz Wille
Das ideale Ensemble erwacht um 5.19 Uhr bei Sonnenaufgangunter der Brücke, es hat mit einem Chor von Bürgern die Nacht verbracht, um die Räumung eines Obdachlosen zu verhindern. Das ideale Ensemble geht direkt auf die Probe und fühlt sich trotz der kurzen Nacht ausgeruht, es hat sich regelrecht erholt in der letzten Zeit und die Massenproduktion den neuen Märkten...
Mitte März im Staatsschauspiel Dresden: Gerade noch hatte Fiesko zu Genua, halbseidener Hoffnungsträger einer putschbereiten Regierungsopposition, im Hinterzimmer gekokst und an spätpubertären Flaschendrehspielchen teilgenommen. Jetzt tänzelt er an der Rampe auf und ab und fragt unter maximal demagogischer Pokerface-Aufbietung: «In welcher Regierungsform leben wir...
Geflüchteten Menschen die Bühne zu überlassen, damit sie für sich selbst sprechen können, scheint das probate Mittel zu sein, um als Theater auf die untragbare Situation der Geflüchteten in Europa reagieren zu können. Dass sich diese Haltung weitgehend durchgesetzt hat, rührt auch von der verstärkten Selbstrepräsentation der Geflüchteten her, die in Protestcamps in...
