Klaus Köhler, Leonie Schulz, Daniel Friedl und Vincent Doddema; Foto: Andreas Ettner/Theater Mainz

Mainz: Die Tragödie der Selbsterkenntnis

Seneca «Oedipus»

Theater heute - Logo

In den großen Nischen der Rückwand des Jugendstil-Schlafzimmers stehen zwei römische Statuen. Im Kingsize-Bett räkeln sich König Oedipus und seine Gattin Iokaste, als wüssten sie nicht so recht, sollen sie nun weiter den Morgen genießen oder sich schon den Regierungsgeschäften zuwenden? Eigentlich ist ja alles in Ordnung, wäre da nur nicht diese Pest, die ganz Theben wegrafft. Marcus Lobbes hat in Mainz den Mythos des Ödipus inszeniert, aber nicht auf das blutvollere Sophokles-Drama, sondern auf die einige Jahrhunderte später entstandene analytischere Neudeutung Senecas gesetzt.

Der Philosoph und Erzieher des späteren Kaisers Nero zählte zu den einflussreichsten Männern des römischen Imperiums. Lobbes, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, situiert den antiken Krimi allerdings nicht im ersten Jahrhundert nach Christus, sondern in einem großherrschaftlichen Schlafzimmer, das man im Wien der 1900er Jahre hätte vorfinden können: ein jugendstilistisches Gesamtkunstwerk mit Hang zur Funktionalität.

Bis heute ist schließlich der antike Mythos ein Sprungbrett für die in der Wiener Moderne aufkommende psychologische Deutung der menschlichen Existenz. Im Zentrum ein Vatermörder und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2018
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Jürgen Berger

Weitere Beiträge
Die Wahrheit der Kloaken

Les Misérables» – die «Elenden» – beginnen standesgemäß ganz unten: Zum Auftakt von Frank Castorfs Victor-Hugo-Version am Berliner Ensemble, seiner ersten hauptstädtischen Romandurchquerung seit dem unfreiwilligen Intendanz-Ende an der Volksbühne, philosophiert sich Jürgen Holtz durchs Pariser Kloakensystem. Es ist eine Art Wirtschafts-, Sozial- und – wenn man so...

Sie wollen nur spielen

Fröhliche Weihnachten: Es war das Wochenende der mordenden Frauen à la française im Deutschen Theater zu Berlin. Am ersten Adventssamstag brüteten im Großen Haus Genets «Zofen»-Schwestern den Mordplan an der gnädigen Frau aus, am Sonntag vergifteten in den Kammerspielen Mutter und Tochter Sohn und Bruder – immerhin nur ein «Missverständnis», aber eins der...

Festival: Der polnische Weg

Es ist eine alte Tradition des Festivals, dass sich der thematische Leitgedanke erst ergibt, wenn alle Produktionen eingeladenen sind», erklärt Programm-Direktor Tomasz Kirenczuk im Gespräch. Diese Vorgehensweise hat sich auch in diesem Jahr bewährt. Passender als «Weiter! Aber wohin?» hätte das Motto der 9. Ausgabe des internationalen Theaterfestivals Dialog, das...