Die große, schreckliche Idee

Michael Thalheimer inszeniert in Frankfurt «Medea» mit Constanze Becker

Theater heute - Logo

Eine große Leere – sie bildet vielsagend das erste Bild von Michael Thalheimers Frankfurter «Medea». Hier ist nichts und wird nichts sein, wenn alle Worte gesprochen sind. Es regiert die Sinnlosigkeit – der Gefühle, der Versprechen, der Existenz. Alles ist leer, alles ist gleich, alles wahr. Aber nicht Nietzsche bestimmt diesen Abend, sondern Euripides, dessen antiker Erzählwucht Thal­heimer mit der schnörkellosen Übersetzung von Peter Krumme Tribut zollt, die ganz abgestellt ist auf die Titelfigur Medea als einer modernen und zugleich archaisch tragischen Frau.

Ihre eigene Familie verrät sie zugunsten von Jason, geht mit ihm in die Ferne, wo sie – die stolze, selbstbewusste Frau – als Fremde beargwöhnt und schließlich vom opportunistischen Mann verlassen wird, weil er eine bessere Partie gefunden hat. Bekanntermaßen ist das Ende ein böses und Medeas Rache absolut.
 
Die Antiken-Einsatzgruppe

Ohne Schnörkel beginnt auch das Bühnenspiel im riesigen ausgeräumten Raum. Wie ein verwundeter Vogel durchschreitet Josefin Platt als Medeas Amme stockend die Bühnentiefe. Eine Figur, die zwischen Licht und Dunkelheit schwankt, als Schattenriss erscheint, lange Minuten schweigt. Sie steht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Kristin Becker

Weitere Beiträge
Tarantellas Veitstanz

Der Säugling liegt auf dem blanken Boden in der Mitte der Bühne. Er blinzelt in die riesige grelle Industrielampe, die wie ein Damoklesschwert über ihm pendelt, zuckt mit den Armen und schließt die Augen. Kurz zuvor hatte Jokaste ihn hier abgelegt und seinem Schicksal überlassen, das ihn alsbald in Gestalt der kriechenden, rollenden Horde der Ödipus–kindeskinder...

Pläne der Redaktion / Impressum

Und wieder ein neues Stück von Peter Handke, «Die schönen Tage von Aranjuez». Und so fängt es an: «Und wieder ein Sommer. Und wieder ein schöner Sommertag. Und wieder eine Frau und ein Mann an einem Tisch im Freien, unter dem Himmel.» Und wieder ein Bericht von Luc Bondys Urauführung in Wien.

Drei Jahre lang wird Heiner Goebbels die Ruhr Triennale gestalten. Was hat...

Franz Wille: Die Bar gewinnt

Wer auf den verschlungenen Treppenhaus-Wegen ins Atrium des Züricher Schiffbaus, der ersten Station von Frank Castorfs «Amerika»-Reise, achtlos an der Schüssel mit kostenlosen Ohrstöpseln vorbeigegangen ist, dürfte seinen Hochmut bald bereut haben. Oben angekommen, in einem riesigen, von drei Bal­konetagen umrahmten Innenhof, wartet nicht nur das großzügig...