Da, das ist der!
Aus dem hell erleuchteten, voll besetzten Parkett des Hamburger Deutschen Schauspielhauses steht ein Theaterbesucher auf, geht im Businessanzug, den Schlips richtend, nach vorn und stellt sich und seine Problemlage dem Publikum als sein eigener Werbe-Promoter mit kaltem Charme vor: Der Chef, Othello, hat ihn, Jago, bei der ihm eigentlich zustehenden Beförderung zum zweiten Mann übergangen und ihn dadurch in seinem hart erworbenen Anspruch auf die Karriere tief verletzt.
Er wird sich, sagt er, und setzt das Einverständnis des Angestellten-Publikums voraus, dafür rächen, wird den Chef zu Fall bringen, tödlich.
Die kalt und klar geführte Stimme des Schauspielers Wolfram Koch beherrscht den Riesenraum ohne Anstrengung, selbstverständlich und nur zu verständlich. Die knappe Gestik unterstreicht den Rache-Anspruch der Figur als legitim, denn Othello hat gegen Business-Regeln, die einzig geltenden, eklatant verstoßen. Indem Koch Jagos Argumentationsstrategie so glatt und gewandt, so perfide perfekt vorträgt und sich dabei kleine halbe Späße erlaubt – das setzt am Anfang des Abends unzweideutig und brillant den Grundzug der Inszenierung Stefan Puchers: Hier findet ein Machtkampf auf der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Vor gut einem Jahrzehnt ging ein Gespenst um in deutschen Schauspieldramaturgien, es hieß «Engel in Amerika» und war ein monströses zweiteiliges Theaterstück des hierzulande völlig unbekannten Autors Tony Kushner. Beide Teile währten, ungekürzt gespielt, je drei bis vier Stunden, so jedenfalls im Londoner West End und am New Yorker Broadway, wo «Die...
Früher war alles besser. Die Luft frischer, die Zigaretten billiger, und auch die Liebe war noch nicht eine Ansammlung gescheiterter Versuche, sondern die Liebe eben. Das gilt allerdings nur, solange dieses «früher» auch «früher» bleibt. Steht es jedoch eines Tages leibhaftig vor der Tür und tut so, als wäre es gerade mal eine halbe Stunde her, seit man sich zum...
Man hat sich schon oft gefragt, wo die DDR geblieben ist. Einzelne Leichenteile konnten in bisher 50 Folgen der ZDF-Serie «Der letzte Zeuge» auf dem Seziertisch der Gerichtsmediziners Dr. Robert Kolmaar in Augenschein genommen werden, im Hauptabendprogramm. Es handelte sich dabei nicht um tragende Säulen des ideologischen Skeletts, sondern um Fetzen des emotionalen...
