Wir bleiben wach
Noch nicht geboren, neu geboren oder ganz klein waren wir, als unsere Eltern die Teheraner Straßen eroberten und Hand in Hand schrieen: Unabhängigkeit, Freiheit, Islamische Republik – die haben sie bekommen.
Acht Jahre heiliger Krieg mit Irak ist eng an unsere Kindheit geknüpft: Mama, was ist Krieg? – Es gibt Feinde, die uns unser Land nehmen wollen. Wir müssen aufpassen. Die Väter gehen in den Krieg, die Mamas helfen den Vätern. Wir müssen im Krieg stark miteinander sein. Wir müssen kämpfen, um unser Land zu retten.
Leben in der Doppelmoral
Der Krieg war zu Ende, sein Schatten immer noch da: In unseren Schulen, in unseren Familien, in unseren Kinderspielen. Bewusst oder unbewusst haben wir gelernt, dass Freiheit, Unabhängigkeit, Islamische Republik Worte sind, für die viel Blut geflossen ist. Worte, von denen unsere Eltern träumten, wurden der Albtraum unseres Lebens. Ein Albtraum, in dem wir alle gleich aussehen, gleich denken, gleich sprechen und gleich glauben mussten. Ein Albtraum, der keinerlei Pluralität tolerierte. Irgendwann haben wir von unseren Eltern gelernt, uns in der Doppelmoral einzurichten: Wir in unserer Privatsphäre, wir im öffentlichen Raum ... ist Teil ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das könnte Sie auch interessieren:
Innen und außen
Der Schnappschuss als Waffe
Hooman Sharifi (Text in Englisch)
Helena Waldmann: Letters from Tentland
Dem Anlass entsprechend hat auch Goethe sich schick gemacht. Ein exquisites rotes Kopftuch bedeckt das edle Gipshaupt im Foyer der Frankfurter Naxoshalle, in der der Regisseur Willy Praml und seine Theatertruppe seit einigen Jahren ihre Zelte aufgeschlagen haben.
Im Konzepttheater von Praml geht es diesmal, Goethe zeigt es an, um Mythen der Verschleierung. Die...
Alexandra Iwanowna ist sauer. «Wo steht denn in der Bergpredigt, dass man mit Lakaien shake hands machen soll?», setzt sie ihrer kummervoll in sich zusammengesackten Schwester Marja zu, die aus nachvollziehbaren Gründen unter der Bibelexegese ihres Gatten Sarynzew leidet. Leider verkennt die nassforsche Frau Iwanowna (Naomi Krauss) das Problem aber vollständig –...
Man kann sich Peter Handke gut vorstellen, wie er frühmorgens am Rand eines noch leeren Platzes – nicht im Zentrum der Metropole, eher in der Vorstadt – im Café sitzt, schaut und protokolliert, wie das Leben erwacht. Aber natürlich ist er nicht der bloße Zuschauer, wie er sich gern stilisiert. Die wimmelnden Menschen werden ihm zu Figuranten eines neobarocken...
