Frankfurt: Problemviertel-Blingbling
Die Kamera saugt sich am Gesicht der Mutter fest, der eine Träne über die Wange rinnt, und springt zurück zu den fiebrigen Augen der Moderatorin, die schon wieder ihren nächsten Gast angeht, um ihm ein Gefühl, ein Zitat, eine authentische, zutiefst menschliche Regung zu entringen. An tatsächlicher Auseinandersetzung hat diese Polit-Talkerin à la Anne Will null Interesse, sie ist auf der Jagd.
Populäre Romanstoffe reichen offenbar nicht mehr aus, jetzt ziehen Thrillerserien ins Theater ein, um es mit neuen Stoffen zu versorgen und ästhetisch wie thematisch fest in der Gegenwart zu verankern – und natürlich auch, um Publikum zu locken. Der niederländische Autor Eric de Vroedt hat eine Miniserie fürs Theater geschrieben; «The Nation» umfasst ganz klassisch sechs mal 45 Minuten. In diesen klappert der Autor nahezu alles ab, was Leitmedien derzeit an gesellschaftlichem Konfliktpotenzial zu entnehmen ist: Islamophobie, Abschottung der Wohlhabenden unter Überwachungs-Hochtechnologieblasen, überforderte Polizist*innen, eine ausgeprägte gesellschaftliche Ignoranz und eine Politik, die die Polarisierung mit vorantreibt. Für das Schauspiel Frankfurt hat David Bösch die deutsche Erstaufführung ...
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Theater heute Juni 2019
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Esther Boldt
Punkt 9 des Manifests von Milo Raus neuem NTGent legt fest, dass mindestens eine Produktion pro Spielzeit in einem Kriegsgebiet ohne kulturelle Infrastruktur geprobt und aufgeführt werden muss. Was bringt der erste Ernstfall: «Orest in Mossul»?
Peter Simonischek kann auf stolze 50 Jahre in Ensembles von St. Gallen über Bern und Düsseldorf nach Berlin und Wien...
Da steht, in tiefem Bühnenschwarz auf weißem Grund: Othello. Der nackte Leib rot eingefärbt von Kopf bis Fuß. Markiert, aber nicht schwarz, sondern blutrot. So beginnt zu wummernden Beats (Ludwig Wandinger) vom zentral über Olaf Altmanns leerer Bühne thronenden, göttergleichen Schlagzeug Michael Thalheimers «Othello» am Berliner Ensemble. Was will das Rot uns...
Plötzlich steht da dieser kleine Körper auf der Bühne. Eigentlich ist Maybelle schon vor Stückbeginn tot: Ihr Name steht groß auf der Bühnenrückwand, der untere Strich des letzten Buchstabens zieht sich lang hin und bricht dann plötzlich ab wie ein Kardiogramm. Doch Regisseurin Anna Bergmann bringt die kleine Tochter des Musikerpaares Elise und Didier als...
