Bochum: Ihr wollt Authentizität?
Voyeurismus ist doch ganz was Feines. Schön im Dunkeln sitzen und Fehler suchen, während die Spieler*innen in Bochum auf die Bühne klettern und sich in langer Reihe vor dem roten Vorhang aufstellen. Man registriert jede ungelenke Bewegung, jeden unsicheren Blick, scannt jeden Körper, der vom durchtrainierten Ensemble-Standardmaß abweicht. Und schon sind wir mitten in der Methode Monster Truck: Das Kollektiv erklärt gesellschaftliche Schieflagen nicht, es stellt sie aus – und das unangenehm konsequent.
Zu «Marat/Sade» nach dem Anstalts-Klassiker von Peter Weiss treten sie mit einer Gruppe von Laien an, die meisten von ihnen mit psychischer Erkrankung oder geistiger Behinderung.
Die Koproduktion mit dem NTGent ist ein scharfes, gelungenes Spiel um Definitionsmacht, Repräsentation, Freiwilligkeit und Zwang. Wenn der Vorhang sich öffnet und die Handlung, die titelgebende «Inszenierung der Ermordung Jean Paul Marats durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter der Anleitung des Herrn de Sade» beginnt, wird jede*r Einzelne via Übertitel vorgestellt: der Wohnort, die meist bitter öde Arbeitsstelle und die jeweilige Erkrankung, Einschränkung oder Psychiatrieerfahrung – ...
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Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Cornelia Fiedler
Von dieser Seite droht nichts Neues. Das Festival von Avignon in seiner 73. Ausgabe zeigt geradezu exemplarisch das Debakel einer arrivierten, institutionell etablierten, selbstgefälligen Linken in Frankreich. «Il faut réinventer la gauche», werden die soziologischen Revolutionäre um Didier Eribon, Edouard Louis, Geoffroy de Lagasnerie nicht müde zu rufen: Man muss...
Irgendwo im Tschetschenien des Jahres 1995, irgendwo in der blinden Wut des Kriegs haben General Alexander Orlow und drei Mittäter ein Dorfmädchen brutal geschändet. Diese Vergewaltigung mit Todesfolge bildet die Kernszene in dem jüngsten Roman von Nino Haratischwili. Von hier aus wirft die georgisch-stämmige Autorin ihre Erzählung weit vor und zurück, in ein...
Keine menschliche Tragödie ist dem Theater fremd, aber mit Naturkatastrophen tut sich die Bühne für gewöhnlich schwer. In der effektvollen Umsetzung von Weltuntergangsszenarien liegt der Film eindeutig vorn. Eine der ungewöhnlichsten – und tröstlichsten – Kinoversionen des finalen Crashs lieferte vor acht Jahren Lars von Trier mit seiner in erlesenen Bildern...
