Das Parasitärdrama...
Ich habe schon das Sekundärdrama erfunden, und jetzt erfinde ich meinetwegen auch noch das Parasitärdrama (man kann es auch Schmarotzerdrama nennen), nein, leider habe nicht ich es erfunden. Ich habe es nicht einmal bewußt gefunden. Ich bin auch schon einmal ein bißchen Abfall für alle gewesen, was absolut gestimmt hat, es war mir nur nicht eingefallen, auch nicht entfallen, ich war ja das Entfallene selbst!, denn ich war doch damals schon von allem abgefallen. Man kann nichts erfinden, wenn man findet, daß alles schon da ist und vorhanden. Und alles, was vorhanden ist, ist mir zu Handen.
Das ist frei. Im Gegensatz zu mir ist es frei. Ich lese in einer Zeitschrift, daß ein Kollege meine Stücke parasitär nennt, weil sie sich so oft an einen Wirt klammern, ohne den das Drama dann nicht verstanden werden kann. Es ist dann nicht mehr ewig gültig, weil es an das Ereignis gebunden worden ist. Dem Ereignis macht das gar nichts, aber das Drama, das dann kein wirkliches Drama mehr sein kann, bringt es um, weil es nur andauert, solang man sich an das Ereignis erinnert. Die Verderblichkeit der verderbenbringenden Realität, die gehört nicht auf die Bühne (wo eh gar nichts hingehört, nur ...
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Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Die Dramen des Jahres, Seite 96
von Elfriede Jelinek
An manchen Tagen genügt eine Zeitung, um die Zeit zu versammeln. Der 28. März 2011 war so ein Tag, und die Zeitung eine «Süddeutsche». Auf der ersten Seite unten müssen gerade wieder einmal die Arbeiter aus den Trümmern des Atomkraftwerks Fukushima abrücken, weil ihnen das hochradioaktive Wasser sonst die Füße verbrennt. Oben steht der baden-württembergische...
Amerikanische Familienstücke haben Konjunktur. Auch auf deutschen Bühnen. In Tracy Letts’ Generationenepos «August: Osage County» (2007) kämpften traumatisierte Schwestern mit ihren Ehepartnern und ihrer Übermutter. Und auch in Tony Kushners im Mai 2011 in New York uraufgeführtem Stück «The Intelligent Homosexual’s Guide to Capitalism and Socialism With a Key to...
1. Wut
Muss man trennen von Zorn und Empörung. Zorn weiß sich legitim. Die Diskrepanz zwischen dem, was das Rechtsempfinden weiß, und der Realität des Rechts ist stabil. Wut ist dagegen trauriges Tasten und Tappen im Dunkeln auf der Suche nach Legitimität und einer dumpfen Ahnung von der Maßlosigkeit ihres Gegenübers. Empörung ist die Auffrischung eines älteren...
