Disziplin oder Konsequenz?

Klaus Pohl erinnert an seinen Freund und Kollegen Ignaz Kirchner

Theater heute - Logo

Mit Ignaz Kirchner stand ich in einer Gosch-Inszenierung von «Warten auf Godot» in Köln auf der Bühne, als Godot tatsächlich kam. Wir waren erlöst, bis sich dieser Kölner Godot – naturgemäß! – als Studenten-Ulk entpuppte.

Erst einmal stürmte ich hinter den Schmuckvorhang zum wartenden Ignaz. «Ignaz! Wir können in die ‹Glocke›, Milch trinken, Godot ist gekommen. Wir sind erlöst.» Dann kam Sanda Weigl, Jürgen Goschs damalige Assistentin und meine Frau.

Sie wollte verhindern, dass ich mit Ignaz in die «Glocke» verschwinde – zum harztrüben Rezina-Wein, den wir «Milch» nannten. 

Sanda eilte hinaus zu dem Kölner Godot, der, nachdem ich das Weite gesucht hatte, hilf-, sprach- und ganz & gar pointenlos draußen auf dem von Axel Mantey so wunderbar skizzierten Weg stand. Das Publikum wurde unruhig, ich wollte endlich in die «Glocke», saufen, Ignaz nagte vergnügt an einem Requisiten-Hühner-Bein, da sagte Sanda Weigl zu dem bereits Buh-Rufen ausgesetzten Godot: «Ach, Herr G., kommen Sie doch bitte mit mir, hinter der Bühne wartet schon sehr lange Herr Beckett auf Sie.» Das Publikum quittierte den Gag mit Gejohle & Trampeln. Sanda Weigl verschwand mit dem Studenten-Ulk-Godot hinter dem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2018
Rubrik: Nachruf, Seite 44
von Klaus Pohl

Weitere Beiträge
Bücher: Herrn Prosperos armer Vetter

In Christophe Marthalers Inszenierung von Shakespeares «Der Sturm», in der kein Sturm tobte, aber eine seltsam verzaubernde Windstille erblühte, nämlich das im Untertitel versprochene «petit rien», spielte Robert Hunger-Bühler den Ariel als grimmigen Kellner im Frack. Er schien wie die in einer Art Wartesaal versammelten Gäste sein Leben als Schiffbruch erlitten zu...

Bremen: Das Blut, das Salz, das Leben

«Die Sonne Satans schien vom Meer her, das man nicht sah, aber roch.» Das ist so ein Fritz-Kater-Satz von poetischer Wucht, ein Satz in den schon all das Grauen eingeschrieben ist, das das Mädchen (Mirjam Rast) erleiden wird, im Wäldchen, wo der Vergewaltiger (Manolo Bertling) wartet. «Die Sonne Satans», das ist der Hamster, den der Angreifer dem Mädchen schenkt,...

Kannibalen unter sich

Governance is a form of art», heißt es irgendwann in «No President», der jüngsten Produktion des New Yorker Nature Theater of Oklahoma, die auf der diesjährigen Ruhrtriennale uraufgeführt und vom Düsseldorfer Schauspielhaus koproduziert wurde. Dass Regieren eine Kunst ist, weiß auch Mikey, der Wachmann und ehemalige Schauspieler, der mit seinen Kollegen einer...