Der Exzess kommt aus dem Norden...
Erhart Borkman schlägt die Zeit tot. Er dribbelt mit dem Basketball. Trinkt Cola und mampft Chips. Liest ein Spiderman-Comic. Kichert am Laptop. Liegt auf dem Bett und stiert an die Decke. Hindert an der Playstation eine rote Kugel daran, rechts oder links gegen die Bildschirmkante zu stoßen. Holt sich, belauscht von seiner Tante, mit Blick auf ein paar H&M-Wäschemodels einen runter. Theoretisch also total artgerechtes Teenagerverhalten.
Hier, im Theaterexzess «John Gabriel Borkman», den das deutsch-norwegische Regiepaar Ida Müller und Vegard Vinge nächtelang in der Volksbühnendependance Prater durchexerziert, allerdings so radikal künstlich, dass einem dabei Hören und Sehen vergeht.
Offengestanden: Zu diesem Zeitpunkt, nämlich rund drei Stunden nach Beginn der Performance, ist uns schon mehrfach Hören und Sehen vergangen. Unter anderem haben wir einem Eisbär beim schmatzenden Ausweiden einer menschlichen Leiche zugesehen, in tosender Lautstärke die «Tannhäuser»-Ouvertüre gehört, der ausführlichen Hinrichtung von vier nackten Gestalten mit Hilfe einer Papp-Pistole und mehreren Tuben Theaterblut beigewohnt und eine akrobatische Meisterleistung bestaunt: Erharts böses Alter Ego, ...
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Theater heute Januar 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Eva Behrendt
Der Anfang ist rauschhaft – aber schnell verflogen. In den Wolken hängt ein zierlicher Spiegel, die Kamera schwebt durch die Lüfte und senkt sich nach einem weiten Panorama-Schwenk auf eine Stadt am Meer und in gebirgigem Tal. Oder doch eher auf eine Fantasy-Landschaft von Mittelerde? Eingekuschelt in den Mutterboden wie – Referenz an F.W. Murnau – in den...
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«Man kann einen Staat erst verstaatlichen, wenn er komplett bankrott ist» – diese aktuelle Sottise zur Euro-Krise stammt von Elfriede Jelinek und wurde 2008 geschrieben. Damals bezog er sich auf die Haftungsübernahme des österreichischen Staates für die wegen zweifelhafter Finanzaktionen in die Krise geratene Gewerkschaftsbank BAWAG. Jelinek hat mit «Die...
