Lebenszyklus eines Zynikers

Patrick Marber «Howard Katz»

Theater heute - Logo

Man kennt diese Typen. Kaum im Job aufgestiegen, richten sie sich und andere mit zynischer Zerstörungs­lust und gehörigem Selbst- und Lebens­ekel – weil sie erkennen, dass sie sich komplett verkauft haben – zu Grunde. Dabei sind sie natürlich nur auf der ver­zweifelten Suche nach einem Selbst, das in der allgemeinen universalen Käuf­lichkeit zwangsläufig irgendwo auf der Strecke geblieben ist.

Patrick Marbers neuester Held Howard Katz scheint erst am Ziel angekommen, als er mit der Wodkaflasche auf der Parkbank liegt (wo das Stück beginnt und endet) und alles verloren hat, was ihm verachtungswürdig oder gleichgültig geworden ist, sein Job als zweitklas­siger Agent im Showbusiness, Frau und Kind.

Der fünfzigjährige Jude Katz steckt in einer ziemlich üblen Midlife-Crisis, die, wie er bemerkt, «größer ist als ich». Wie alle Zyniker ist er ein gescheiterter Moralist, den die Verkommenheit und Leere seines Metiers anekelt, der nach neuen Werten sucht und von dem Wunsch nach «Leben» getrieben ist. Verblüffend und neu ist, dass sein mehr oder weniger selbstprovozierter sozialer Abstieg, seine zunehmende Isolation nicht mit einem defätistischen Nihilismus korrespondieren (wie bei seinen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2007
Rubrik: Chronik, Seite 43
von Natalie Bloch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die höhere Despotenlaufbahn Kleines Monster: «Süßer kleiner Adol

Zu Hitler fällt mir nichts ein. Über das böse Wort von Karl Kraus gossen manche Moralisten ihre Häme aus, weil der Sprachpurist die richtige Setzung eines Kommas wortreich habe analysieren können, aber vor dem größten Thema seiner Zeit verstummt sei. Sie bekundeten damit nicht nur Unverständnis gegenüber der Ironie, sondern auch Ignoranz: Kraus erklärte 1934 in der...

Er kann auch anders

Keine Vergleiche. Kein «auch Heinz Rühmann kam aus Essen», kein «auch Schimanski ermittelte und litt in Duis­burg». Überhaupt keine Ruhrpott-Kumpel-Heimelig­keit. Er will es nicht. Tatsache ist: Joachim Król wurde vor knapp fünfzig Jahren in Herne geboren und spielt jetzt einen Kommissar in Essen. Tatsache ist, er hat seinen anhei­melnden (ja, so ist es)...

Die japanische Lösung

Franz Wille«Der Häßliche» erscheint als ein ganz neuer «Mayenburg», kein ernstes Stück aus den See­lenlandschaften der Zeitgenossen, sondern eine mit trockenen Pointen durchgeschriebene, fast angelsächsische Boulevardmaschine, die schauspielerseits wenig Psychologie braucht, sich sehr ökonomisch über Plot und Pointe vorwärtstreibt. Ein Stück wie fürs Londoner Royal...