Zürich: Diener mit Fehlfunktionen
Am Schauspielhaus Zürich sind sie alle ein bisschen Matti. Brechts Titelheld, der seinen Herrn Puntila bekanntlich sicher im Studebaker von einer Eskapade zur nächsten chauffiert, neigt in Sebastian Baumgartens Inszenierung zur temporären Vervielfältigung seiner selbst. Eingangs stiert noch ein einsamer Johann Jürgens hinterm Steuer einer Holzspielzeuglimousine vor sich hin – ausgestattet mit Tattoos statt Ärmeln und einer neongrellen Livree, mit der er aus Finnlands Wäldern die Bären vertreiben könnte.
Kaum hebt sich der eiserne Vorhang, lungert außer Jürgens ein ganzer Chauffeurs-Chor vorm Wirtshaus herum und ist kollektiv das Warten leid, derweil sich Puntila mit Klarem den Kopf zurechtrückt. Der Trinkgenosse Richter (Klaus Brömmelmeier) hängt alkoholleichenschlaff überm Tresen, aber Robert Hunger-Bühlers Gutsbesitzer schwadroniert sich eben erst warm. Was Puntila sagt, verflüchtigt sich rasch im dunklen Tann, verjagt vom alles übertölpelnden Eindruck: Hier steht ein Schnapsfass im Adamskostüm. Tatsächlich, das gibt’s.
Als Puntila seine bleiche Fatsuit-Wampe samt schwer gepolstertem Kapitalistenarsch endlich ins Chassis wuchtet, fährt Chris Kondeks Videoregie eine ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2017
Rubrik: Chronik, Seite 66
von Stephan Reuter
Just an dem Tag im März, an dem Bundespräsident Steinmeier sagte, bei einigen «Menschen gerät, wenn sie anonym kommunizieren, die Sprache offenbar schnell außer Kontrolle» und es gebe nicht mehr die Haltung, dass auch der andere Recht haben könnte, stand in der Blue Box des Nürnberger Schauspielhauses Mark Zuckerberg auf der Bühne und flehte eine junge Frau an:...
«Einfach ist der Kampf der Generationen sowieso nie.» Die Mutter starrt ins Leere, desillusioniert, einsam; sie hat die Vorstellung aufgegeben, Einfluss auf ihren pubertierenden Sohn zu haben. Auf ihren Sohn, der sich falsche Freunde gesucht hat, der sich radikalisiert hat, im Internet, wo auch immer, man weiß so wenig. Jedenfalls: Der Sohn hat einen Anschlag...
Was heißt Schauspielen heute? In den vergangenen Festivalwochen zeigte das Berliner Theatertreffen eine Auswahl sehr heterogener Spielweisen. In Forced Entertainments «Real Magic« sind es feine darstellerische Nuancen, die das Monströse einer einfachen Situation durch viele Wiederholungen und kleine Abwandlungen sichtbar machen. Simon Stones Inszenierung von «Drei...
