Diese Christenwelt
Was ist das für ein Venedig hier in Bremen? Antisemitische Karikaturen prangen kreideweiß auf der aschfahlen Bühnenrückwand. Der Raum (von Heinz Hauser) ist leer bis auf ein paar gelbe Papierbahnen, die später in Pogromhatzen zerfetzt werden. Auf Stühlen zu beiden Seiten sitzt die Finanzwelt der Lagunenstadt: die Juden in bedrückendem Schwarz; die Venezianer bunter, mit gegelten Haaren; ein bisschen neureich sehen sie aus, ein bisschen prollig. Ihre formlos großen Sakkos und ihr aufgesetzter Machismo erinnern an Osteuropa in den Nachwendejahren.
Ist das ein Venedig an der Peripherie oder ein Venedig der Vorstädte, wo sich Sündenbockfantasien noch antisemitisch austoben können? Zum Auftakt wird der Jude Tubal zusammengeschlagen – am helllichten Tag, auf helllichter Bühne. «Es ist nichts; es ist okay.» Man spuckt vor den Juden aus und spannt sie anderntags für Geldgeschäfte ein.
Inmitten dieses Treibens befindet sich der Kaufmann Antonio, dem vermutlich ein Gebrauchtwagenhandel zu einigem Vermögen verholfen hat. Ein tragischer Außenseiter, wie ihn Regisseur David Mouchtar-Samorai im Programmheft verspricht, ist er nicht. Von seiner Männerliebe zu Bassanio, dem er mit Kredit und ...
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Gelegentlich schreibt Marianne Freidig Excel-Dialoge, als gehe es um Zahlenkolonnen in Bankkonten. Da ist dann alles, was szenische Plaudertaschen so von sich geben können, parallel gelistet, als habe der Buchhalter eines alles andere als herrschaftsfreien Diskurses statistisch erfasst, wer hier gerade wessen verbale Geltungsansprüche nicht respektiert. Wechselt...
Das Märchen «Vom Fischer und seiner Frau» (Einar Schleef nach Philipp Otto Runge) ist ein doppeltes Lehrstück. Erste Lehre: Wie sich die Frau immer mehr wünscht und am Ende alles wieder verliert. Also: Maßlosigkeit lohnt sich nicht. Zweite Lehre: Wie der Fischer von Anfang an gegen das Wünschen war, aber jedesmal erneut loszieht und die Wünsche überbringt....
Es war Walter Filz, Preisträger des 50. Hörspielpreises der Kriegsblinden, der 2001 in seiner Dankesrede den Vorstellungen seiner Vorgänger, was denn das Radio sei, nachging. Das Ergebnis war erschütternd. «Eine mechanische Apparatur» sei es, durch das man «eines Tages die Fähigkeit der Wahrnehmung differenzierter Töne» verlieren könnte (Heinz Oskar Wuttig, 1954)....
