Poetische Politik
Der Anfang Oktober dieses Jahres im Alter von 97 Jahren in einem Moskauer Krankenhaus verstorbene Juri Ljubimov gehörte zu den großen Regisseuren des sowjetrussischen Theaters in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Er wurde als Schauspieler und Schauspielpädagoge in einem Studio des Wachtangow-Theaters ausgebildet, an dem er in den frühen 1960er Jahren auch Regie zu führen begann.
Mit dem Abschlussjahrgang 1963 inszenierte er Brechts Schauspiel «Der gute Mensch von Sezuan», ein riesiger Erfolg, der ihm die Gründung eines eigenen Theaters «Drama und Komödie» am Taganka-Platz ermöglichte.
Das Gebäude war ein eher karges Werkraumtheater mit einer hervorragenden technischen Ausstattung, die schnelle Szenenwechsel, filmische Schnitte und zirzensische Effekte, ein «Theater der Attraktionen» im Sinne Meyerholds erlaubte. Ljubimov setzte damals mit einer ungewöhnlich spielerischen Aneignung nicht nur Brecht in Russland durch, er befreite zugleich die vorherrschende naturalistische Spielweise des sozialistischen Realismus auf der Bühne vom Staub der Einfühlung und unkritischer Heldenverehrung. An der Taganka wurden auf dem Umweg über Brecht auch die russischen Theaterpioniere ...
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Theater heute November 2014
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Klaus Völker
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