Klima, Kunst und Alter

Im Deutschen Theater Berlin schiebt Sebastian Hartmann «Lear» ins Heim auf die Klimastation, und im Berliner Ensemble zivilisiert Ersan Mondtag Brechts «Baal» mit Stefanie Reinsperger

Theater heute - Logo

Dieses Ende droht uns allen: Pflegestation, Zweibettzimmer. Michael Gerber (Lear) und Markwart Müller-Elmau (Gloster), die beiden an ihrem diktatorischen Starrsinn gescheiterten alten Männer, liegen stumm und apathisch im Nachthemd in ihren vollautomatischen Pflegebetten und machen gleichgültig demente Miene zu allem, was um sie herum geschieht. Offenbar funktioniert nicht einmal die Klimaanlage auf ihrer Endstation. Im Hintergrund auf der sonst weitgehend leeren Bühne steht ein riesiges hölzernes Windrad wie ein trauriges Heimwerker-Denkmal und rührt sich nicht.

Dafür treibt sich die Verwandtschaft herum: eine zudringliche Sippe, gerne in Schwarz (Kostüme Adriana Braga Peretzki), die abgerissene Textfetzen raushaut in unterschiedlicher Lautstärke, zwischendurch auch aggressiv chorisch in Kleingruppen, die gerne im Kreis läuft, sinnlose Rituale vollführt, sich in letzte leere Fechtkämpfe stürzt oder ziellos abhängt. Nicht einmal ums Erbe wird noch groß gestritten. 

Shakespeares «König Lear» ist der präzise beschriebene Untergang eines Staates, in dem fast alle Beteiligen nur noch ihren ökonomischen, erotischen oder Machtinteressen folgen. Über fünf Akte zerlegt sich ein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Vorschau - Impressum (10/2019)

Die Wiener Burg und das Staatsschauspiel Hannover haben sich viel vorgenommen: die ersten Premieren unter Sonja Anders und Martin Kušej

30 Jahre nach dem Mauerfall werden die Jubiläumsglocken klingen. Thomas Oberender erinnert daran, was seitdem alles schiefgelaufen ist in Sachen Wieder­vereinigung

Die Künstliche Intelligenz hat ihre ange­nehmen Seiten, keine...

Berlin: Ein einziger Witz

«Ich habe dieses Buch schneller als irgendein anderes geschrieben: & es ist ein einziger Witz; & doch heiter & schnell lesbar, glaube ich; Ferien eines Schriftstellers», schrieb Virginia Woolf im März 1928 in ihr Tagebuch, kurz nachdem sie «Orlando» beendet hatte. Ein einziger Witz – diese Formulierung könnte auch Katie Mitchell in ihrer Inszenierung an der...

Das Versagen der Vernunft oder Das Ende des Glücks

Während ich diesen Text schreibe, bin ich angespannt. Heute, am 1. September, einem Sonntag, hat sich neuer Protest formiert. Die Demonstration findet am Hong Kong International Airport statt und hat seine Schließung zum Ziel, einfach dadurch, dass eine große Menge Menschen dort steht. Die Demonstranten sind unbewaffnet, nur einige von ihnen sind mit Helmen oder...