In der Pathosdestille
Mit Destillaten ist es so eine Sache. Die Verknappung und Verdichtung aufs Wesentliche, aufs gewissermaßen Hochprozentige, die der Begriff zu versprechen scheint, ist leichter angesagt als getan. Helmut Krausser nennt seinen dramatischen «Gesang vom Untergang Burgunds» ein «Nibelungendestillat» und zitiert als Motto auch gleich noch Heidegger: «Die Sprache ist die Sage als die Zeige.» Das ist kühn.
Denn sprachlich bietet diese x-te Version des wohlbekannten Nibelungenstoffs einiges auf, vom blanken Kalauer («Du solltest deine Seele nicht so offen herumliegen lassen») bis zur scheußlichen Modephrase («in keinster Weise»), aber kaum die Strenge und Sperrigkeit, die ausgerechnet die Heidegger-Reverenz erwarten lässt.
Krausser stellt den finsteren Hagen von Tronje in den Mittelpunkt seiner Bearbeitung: Der hält sich Volker von Alzey als seinen Leibsänger und möchte in dessen Liedern als Untergangsvisionär verewigt werden. Kriemhild dagegen besitzt eine Truhe, die «die ungeschriebenen Lieder ihres ungeborenen Sohnes» enthält. Diese Truhe lässt Hagen verschwinden. Indem Krausser den Nibelungenhort durch einen Liedschatz ersetzt, zeigt er, worauf es ihm ankommt: Wer die Mythenbildung ...
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